Gudrun kann nicht weinen
Wann flossen Gudruns Tränen?
Im „Ersten Gudrunlied“ sitzt Gudrun neben dem toten Sigurd. Vor Kummer droht ihr das Herz zu zerspringen. Doch ihre Tränen bleiben aus. Sie schlägt auch nicht wie die anderen Frauen die Hände zusammen und erhebt keine laute Klage.
Die Frauen versuchen, Gudrun zu trösten. Jede erzählt vom schlimmsten Leid, das sie je erlebt hat. Sie berichten vom Verlust ihrer Männer und ihrer Angehörigen. Doch auch jetzt kann Gudrun nicht weinen.
Da nimmt Gullrönd das Tuch von dem Toten. Sie legt Sigurds Kopf in Gudruns Schoß und fordert sie auf, ihren Mann anzusehen. Gudrun solle auch ihre Lippen auf seine legen, wie damals, als er noch lebte.
Gudrun sieht ihrem Mann ins Gesicht. Sein Haar ist blutgetränkt. In seiner Brust klafft eine Schwertwunde. Sie wirft sich auf ein Kissen, und ihr Haar löst sich. Ihre Tränen fließen wie Regentropfen. Draußen im Hof schreien ihre Gänse.
Quellen dieser Geschichte (1)Gudrun kann nicht weinen
en regns dropi
rann niðr of kné.
Wie Regentropfen fielen die Tränen in ihren Schoß.
„Das Gudrunlied 1“ Strophe 15
„Das Gudrunlied 1“Guðrúnarkviða I


Bildinfos
Johannes Gehrts „Gudrun an Sigurds Bahre“ 1888 Gemeinfrei Bildquelle ansehen
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