Originalquelle zu „Gylfis Täuschung“

Gylfaginning

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Deutsche KI-Übersetzung aus dem Altnordischen mithilfe der englischen Übersetzung.

1

König Gylfi herrschte über die Länder, die heute Schweden heißen. Von ihm wird erzählt, dass er einer wandernden Frau zum Lohn für die Unterhaltung, die sie ihm geboten hatte, so viel Pflugland in seinem Reich gab, wie vier Ochsen in einem Tag und einer Nacht umpflügen könnten. Diese Frau aber stammte aus dem Geschlecht der Asen; sie hieß Gefjon. Sie holte aus dem Norden, aus Jötunheim, vier Ochsen, die Söhne eines Riesen und ihre eigenen waren, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug aber ging so breit und tief, dass sich das Land loslöste, und die Ochsen zogen dieses Land hinaus aufs Meer und nach Westen und blieben in einem Sund stehen. Dort legte Gefjon das Land hin, gab ihm einen Namen und nannte es Seeland. Wo sich das Land herausgelöst hatte, blieb ein See zurück. Dieser heißt heute Mälarsee in Schweden, und die Buchten des Mälarsees entsprechen den Landzungen Seelands. So spricht Bragi, der alte Dichter:

Gefjon zog froh von Gylfi
das tiefe Rund der Ländereien,
sodass es von den rasch ziehenden Tieren
dampfte, Dänemark zum Zuwachs.
Die Ochsen trugen acht
Stirnmonde, als sie vor der weiten
Beute der Wieseninsel schritten,
und vier Köpfe.

2

König Gylfi war ein weiser und zauberkundiger Mann. Er wunderte sich sehr darüber, dass das Asenvolk so kundig war, dass alle Dinge nach seinem Willen gingen. Er überlegte, ob dies an ihrer eigenen Natur läge oder ob es die göttlichen Mächte bewirkten, denen sie opferten. Er machte sich auf den Weg nach Asgard, reiste heimlich und nahm die Gestalt eines alten Mannes an, um sich so zu verbergen. Die Asen aber waren ihm darin überlegen, dass sie die Zukunft voraussahen; sie erkannten seine Reise, ehe er ankam, und bereiteten ihm Blendwerke.

Als er in die Burg kam, sah er dort eine so hohe Halle, dass er kaum über sie hinwegsehen konnte. Ihr Dach war mit vergoldeten Schilden gedeckt wie mit Schindeln. So sagt Thjodolf von Hvin, dass Walhall mit Schilden gedeckt war:

Auf dem Rücken ließen sie glänzen,
von Steinen wurden sie geschlagen,
Swafnirs Dachschindeln,
die besonnenen Männer.

Gylfi sah einen Mann in der Hallentür, der mit kurzen Schwertern jonglierte und sieben zugleich in der Luft hatte. Dieser fragte ihn zuerst nach seinem Namen. Er nannte sich Gangleri, sagte, er sei von Irrwegen hergekommen, bat um ein Nachtquartier und fragte, wem die Halle gehöre. Der Mann antwortete, sie gehöre ihrem König: „Ich kann dich aber hinführen, damit du ihn siehst. Dann sollst du ihn selbst nach seinem Namen fragen.“ Darauf wandte sich der Mann um und ging ihm voran in die Halle; Gylfi folgte, und sogleich schloss sich die Tür hinter ihm. Dort sah er viele Hallenräume und viele Menschen: Einige spielten, einige tranken, einige trugen Waffen und kämpften. Er sah sich um, und vieles von dem, was er sah, erschien ihm unglaublich. Da sprach er:

Alle Eingänge soll man,
ehe man weitergeht,
ringsum erspähen;
denn ungewiss ist zu wissen,
wo Feinde sitzen
drinnen auf der Bank.

Er sah drei Hochsitze, einen über dem anderen, und darauf saßen drei Männer, auf jedem einer. Da fragte er nach dem Namen ihres Herrschers. Der Mann, der ihn hineingeführt hatte, antwortete, derjenige, der auf dem untersten Hochsitz sitze, sei der König: „Er heißt Har; der auf dem nächsten heißt Jafnhar, und der zuoberst heißt Thridi.“ Da fragte Har den Ankömmling, ob er noch ein anderes Anliegen habe; Speise und Trank stünden ihm frei wie allen dort in Hars Halle. Er sagte, zunächst wolle er fragen, ob ein gelehrter Mann drinnen sei. Har sagte, er werde nicht heil herauskommen, wenn er nicht der Gelehrtere sei:

„Und steh vor uns,
solange du fragst;
sitzen soll, wer erzählt.“

3

Gangleri begann seine Rede so: „Wer ist der höchste oder älteste aller Götter?“

Har sagte: „Er heißt Allvater in unserer Sprache, doch im alten Asgard hatte er zwölf Namen. Der erste ist Allvater, der zweite Herran oder Herjan, der dritte Nikar oder Hnikar, der vierte Nikud oder Hnikud, der fünfte Fjölnir, der sechste Oski, der siebte Omi, der achte Biflidi oder Biflindi, der neunte Swidur, der zehnte Swidrir, der elfte Widrir, der zwölfte Jalg oder Jalk.“

Da fragte Gangleri: „Wo ist dieser Gott, was vermag er, und welche großen Taten hat er vollbracht?“

Har sagte: „Er lebt durch alle Zeitalter, lenkt sein ganzes Reich und herrscht über alle Dinge, große wie kleine.“

Da sprach Jafnhar: „Er schuf Himmel und Erde und die Lüfte und alles, was zu ihnen gehört.“

Da sprach Thridi: „Das Größte aber ist, dass er den Menschen schuf und ihm eine Seele gab, die leben und niemals vergehen soll, auch wenn der Leib zu Erde vermodert oder zu Asche verbrennt. Alle Menschen, die rechtschaffen leben, sollen weiterleben und bei ihm selbst sein, dort, wo es Gimle oder Wingolf heißt. Böse Menschen aber fahren zu Hel und von dort nach Niflhel. Das ist unten in der neunten Welt.“

Da sprach Gangleri: „Was tat er, ehe Himmel und Erde geschaffen waren?“

Da antwortete Har: „Damals war er bei den Reifriesen.“

4

Gangleri sprach: „Was war der Anfang, wie begann es, oder was war zuvor?“

Har antwortete: „So heißt es in der Völuspá:

Früh war es in den Zeiten,
als nichts war;
weder Sand war noch Meer
noch kühle Wogen;
Erde gab es nicht
noch Himmel darüber;
Ginnungagap war,
doch Gras nirgends.“

Da sprach Jafnhar: „Viele Zeitalter, ehe die Erde geschaffen wurde, entstand Niflheim. In seiner Mitte liegt der Brunnen, der Hvergelmir heißt, und von dort fließen die Ströme, die so heißen: Swöl, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Widi, Leipt. Gjöll ist den Toren der Hel am nächsten.“

Da sprach Thridi: „Zuerst aber war im Süden die Welt, die Muspell heißt. Sie ist hell und heiß. Jene Gegend lodert und brennt. Sie ist auch unzugänglich für alle, die dort fremd sind und dort keine angestammte Heimat haben. Surt heißt derjenige, der dort an der Landesgrenze sitzt, um das Land zu bewachen. Er hat ein flammendes Schwert, und am Ende der Welt wird er ausziehen und Krieg führen, alle Götter besiegen und die ganze Welt mit Feuer verbrennen. So heißt es in der Völuspá:

Surt zieht von Süden
mit dem Verderben der Zweige;
von seinem Schwert strahlt
die Sonne der Schlachtgötter;
Felsenberge krachen,
Riesinnen stürzen;
Männer treten den Helweg,
und der Himmel zerbirst.“

5

Gangleri sprach: „Wie gestaltete sich alles, ehe die Geschlechter entstanden oder sich das Menschengeschlecht vermehrte?“

Da sprach Har: „Als die Ströme, die Eliwagar heißen, so weit von ihren Quellen fortgelangt waren, dass die Giftflüssigkeit, die sie mitführten, hart wurde wie die Schlacke, die aus dem Feuer rinnt, wurde sie zu Eis. Als dieses Eis zum Stillstand kam und nicht mehr floss, erstarrte es an seiner Oberfläche. Der Dunst aber, der aus dem Gift aufstieg, gefror zu Reif, und eine Reifschicht wuchs über die andere, bis hinein in Ginnungagap.“

Da sprach Jafnhar: „Der nach Norden gewandte Teil Ginnungagaps füllte sich mit der schweren, lastenden Masse von Eis und Reif, und weiter innen mit Dunst und eisigem Wehen. Der südliche Teil Ginnungagaps aber wurde leicht durch die Funken und glühenden Teilchen, die aus Muspellheim herüberflogen.“

Da sprach Thridi: „Wie von Niflheim Kälte und alles Grimmige ausging, so war alles, was Muspell nahe lag, heiß und hell. Ginnungagap aber war so mild wie windstille Luft. Als nun der Reif und der warme Hauch zusammentrafen, sodass es schmolz und tropfte, erwachte aus diesen belebten Tropfen Leben durch die Kraft dessen, der die Hitze sandte. Es entstand eine Menschengestalt, und dieser wurde Ymir genannt; die Reifriesen aber nennen ihn Aurgelmir. Von ihm stammen die Geschlechter der Reifriesen ab, wie es in der kurzen Völuspá heißt:

Alle Seherinnen stammen
von Widolf,
alle Zauberer
von Wilmeid,
die Seidwirkenden aber
von Swarthöfdi,
alle Riesen
von Ymir.

Hier aber spricht der Riese Wafthrudnir so:

Aus den Eliwagar
spritzten Gifttropfen
und wuchsen, bis ein Riese daraus wurde;
von dort stammen
all unsere Geschlechter;
darum ist es alles stets so grimmig.“

Da sprach Gangleri: „Wie wuchsen daraus Geschlechter heran, oder wie geschah es, dass mehr Menschen entstanden? Und hältst du den, von dem du eben erzählt hast, für einen Gott?“

Da antwortete Har: „Keineswegs erkennen wir ihn als Gott an. Er ist böse, und ebenso alle seine Verwandten. Wir nennen sie Reifriesen. Es wird aber erzählt, dass er im Schlaf ins Schwitzen geriet. Da wuchsen unter seinem linken Arm ein Mann und eine Frau, und sein einer Fuß zeugte mit dem anderen einen Sohn. Von ihnen stammen die Geschlechter ab. Das sind die Reifriesen. Den alten Reifriesen nennen wir Ymir.“

6

Da sprach Gangleri: „Wo wohnte Ymir, und wovon lebte er?“

Har antwortete: „Als Nächstes geschah, als der Reif schmolz und tropfte, dass daraus eine Kuh entstand, die Audhumla hieß. Vier Milchströme flossen aus ihren Zitzen, und sie ernährte Ymir.“

Da sprach Gangleri: „Wovon ernährte sich die Kuh?“

Har antwortete: „Sie leckte die Reifsteine, die salzig waren. Am ersten Tag, an dem sie die Steine leckte, kam gegen Abend das Haar eines Mannes aus dem Stein hervor, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes, und am dritten Tag war ein ganzer Mann da. Er heißt Buri. Er war schön von Angesicht, groß und mächtig. Er zeugte einen Sohn, der Borr hieß. Dieser nahm eine Frau namens Bestla, die Tochter des Riesen Bölthorn, und sie bekamen drei Söhne. Der eine hieß Odin, der zweite Wili, der dritte We. Ich glaube, dass dieser Odin und seine Brüder Himmel und Erde beherrschen. Wir nehmen an, dass er so heißen muss. So heißt der Mann, den wir als den größten und herrlichsten kennen, und ihr könnt ihn wohl so nennen.“

7

Da sprach Gangleri: „Wie stand es nun um den Frieden zwischen ihnen, und welche waren die Mächtigeren?“

Da antwortete Har: „Die Söhne Borrs erschlugen den Riesen Ymir. Als er fiel, strömte so viel Blut aus seinen Wunden, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten. Nur einer entkam mit seinem Hausstand. Die Riesen nennen ihn Bergelmir. Er stieg mit seiner Frau auf seinen Mühlkasten und rettete sich dort. Von ihnen stammen die Geschlechter der Reifriesen ab, wie es hier heißt:

Unzählige Winter,
ehe die Erde geschaffen war,
wurde Bergelmir geboren;
als Erstes erinnere ich mich daran,
wie jener weise Riese
auf einen Mühlkasten gelegt wurde.“

8

Da sagte Gangleri: „Was taten nun Borrs Söhne, wenn du glaubst, dass sie Götter sind?“

Har sagte: „Davon ist nicht wenig zu erzählen. Sie nahmen Ymir, trugen ihn mitten nach Ginnungagap und machten aus ihm die Erde, aus seinem Blut das Meer und die Seen. Die Erde wurde aus seinem Fleisch gemacht, die Berge aus seinen Knochen. Steine und Geröll machten sie aus seinen Zähnen und Backenzähnen und aus den Knochen, die zerbrochen waren.“

Da sprach Jafnhar: „Aus dem Blut, das aus den Wunden rann und frei umherfloss, machten sie das Meer, als sie die Erde schufen und zusammenfügten. Sie legten dieses Meer ringförmig außen um sie herum, und den meisten Menschen dürfte es unmöglich erscheinen, darüber hinwegzugelangen.“

Da sprach Thridi: „Sie nahmen auch seinen Schädel, machten daraus den Himmel und setzten ihn mit vier Ecken über die Erde. Unter jede Ecke stellten sie einen Zwerg. Sie heißen Austri, Westri, Nordri und Sudri. Dann nahmen sie die glühenden Teilchen und Funken, die frei umherflogen und aus Muspellheim herausgeschleudert worden waren, und setzten sie mitten in Ginnungagap an den Himmel, sowohl oben als auch unten, um Himmel und Erde zu erhellen. Allen Lichtern gaben sie ihren Platz: Einige standen am Himmel, andere zogen frei unter dem Himmel dahin; doch auch diesen wiesen sie ihren Ort zu und ordneten ihre Bahn. So wird in alten Überlieferungen erzählt, dass von da an Tag und Nacht unterschieden und die Jahre gezählt wurden. So heißt es in der Völuspá:

Die Sonne wusste nicht,
wo sie ihre Säle hatte;
der Mond wusste nicht,
welche Macht er hatte;
die Sterne wussten nicht,
wo sie ihre Plätze hatten.

So war es, ehe dies geschah.“

Da sprach Gangleri: „Das sind gewaltige Begebenheiten, von denen ich nun höre. Ein überaus großes Werk ist das und kunstvoll geschaffen. Wie war die Erde beschaffen?“

Da antwortete Har: „Sie ist außen kreisrund, und rings um sie liegt das tiefe Meer. An dessen Küste gaben sie den Riesengeschlechtern Länder zur Besiedlung. Weiter innen auf der Erde aber errichteten sie rings um die Welt eine Befestigung gegen die Angriffe der Riesen. Für diese Befestigung verwendeten sie die Brauen des Riesen Ymir und nannten sie Midgard. Sie nahmen auch sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken, wie es hier heißt:

Aus Ymirs Fleisch
wurde die Erde geschaffen,
aus seinem Blut das Meer,
die Berge aus den Knochen,
die Bäume aus dem Haar,
aus dem Schädel der Himmel.
Aus seinen Brauen aber
schufen die gütigen Götter
Midgard den Menschensöhnen;
aus seinem Gehirn aber
wurden all jene
grimmigen Wolken geschaffen.“

9

Da sprach Gangleri: „Viel, scheint mir, hatten sie da vollbracht, als Erde und Himmel geschaffen, Sonne und Gestirne an ihren Platz gesetzt und die Tageszeiten eingeteilt waren. Doch woher kamen die Menschen, die die Welt bewohnen?“

Da sprach Har: „Als die Söhne Borrs am Meeresstrand entlanggingen, fanden sie zwei Bäume. Sie hoben die Bäume auf und schufen Menschen daraus. Der erste gab ihnen Atem und Leben, der zweite Verstand und Bewegung, der dritte Gesicht, Sprache, Gehör und Augenlicht. Sie gaben ihnen Kleider und Namen. Der Mann hieß Ask und die Frau Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht ab, dem Midgard als Wohnstatt gegeben wurde. Danach bauten sie sich eine Burg mitten in der Welt, die Asgard genannt wird. Wir nennen sie Troja. Dort wohnten die Götter und ihre Geschlechter, und von dort nahmen viele Ereignisse und Begebenheiten ihren Ausgang, sowohl auf der Erde als auch in der Luft. Dort gibt es einen Ort namens Hlidskjalf. Wenn Odin sich dort auf den Hochsitz setzte, überschaute er alle Welten und das Tun jedes Menschen und wusste über alles Bescheid, was er sah. Seine Frau hieß Frigg, Fjörgvins Tochter. Von ihrem Geschlecht stammen die Geschlechter ab, die wir Asengeschlechter nennen und die das alte Asgard und die dazugehörigen Reiche bewohnt haben. Dies ganze Geschlecht ist göttlicher Herkunft. Und darum darf er Allvater heißen, weil er der Vater aller Götter und Menschen und all dessen ist, was durch ihn und seine Kraft geschaffen wurde. Jörd war seine Tochter und seine Frau. Mit ihr zeugte er seinen ersten Sohn, und das ist Asen-Thor. Ihm waren Kraft und Stärke eigen. Darum besiegt er alle Lebewesen.

10

Nörfi oder Narfi hieß ein Riese, der in Jötunheim wohnte. Er hatte eine Tochter namens Nott. Sie war schwarz und dunkel, wie es ihrer Herkunft entsprach. Sie war mit einem Mann namens Naglfari verheiratet. Ihr Sohn hieß Aud. Danach war sie mit einem namens Anar verheiratet. Jörd hieß ihre Tochter. Zuletzt nahm Delling sie zur Frau; er stammte aus dem Geschlecht der Asen. Ihr Sohn war Dag. Er war hell und schön, seinem Vater nachgeartet. Da nahm Allvater Nott und ihren Sohn Dag, gab ihnen zwei Pferde und zwei Wagen und sandte sie an den Himmel hinauf, damit sie alle zwei Halbtage die Erde umrunden sollten. Nott fährt voraus mit dem Pferd, das Hrimfaxi genannt wird, und jeden Morgen betaut es die Erde mit den Schaumtropfen seines Gebisses. Das Pferd, das Dag gehört, heißt Skinfaxi, und seine Mähne erhellt die ganze Luft und die Erde.“

11

Da sprach Gangleri: „Wie lenkt er den Lauf der Sonne und des Mondes?“

Har sagte: „Ein Mann namens Mundilfari hatte zwei Kinder. Sie waren so schön und anmutig, dass er seinen Sohn Mani und seine Tochter Sol nannte und sie mit einem Mann namens Glen verheiratete. Doch die Götter erzürnten sich über diesen Hochmut, nahmen die Geschwister und setzten sie an den Himmel hinauf. Sol ließen sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen. Die Sonne hatten die Götter aus einem glühenden Funken, der aus Muspellheim geflogen war, geschaffen, um die Welten zu erhellen. Die Pferde heißen Arwak und Alswid. Unter die Schultern der Pferde setzten die Götter zwei Blasebälge, um sie zu kühlen; in manchen Überlieferungen wird dies aber Isarnkol genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes und bestimmt sein Zunehmen und Abnehmen. Er nahm zwei Kinder von der Erde mit sich, die Bil und Hjuki heißen, als sie vom Brunnen namens Byrgir kamen und auf ihren Schultern einen Eimer namens Säg trugen; die Tragstange heißt Simul. Ihr Vater heißt Widfinn. Diese Kinder begleiten Mani, wie man von der Erde aus sehen kann.“

12

Da sprach Gangleri: „Schnell zieht die Sonne dahin, beinahe, als hätte sie Angst, und sie könnte ihren Lauf kaum noch mehr beschleunigen, wenn sie ihren Tod fürchtete.“

Da antwortete Har: „Es ist kein Wunder, dass sie so hastig dahineilt. Dicht hinter ihr ist der, der sie verfolgt, und sie hat keinen anderen Ausweg, als davonzulaufen.“

Da sprach Gangleri: „Wer ist es, der ihr solche Mühe macht?“

Har sagte: „Es sind zwei Wölfe. Der, der hinter ihr herläuft, heißt Sköll. Ihn fürchtet sie, und er wird sie fangen. Der aber, der vor ihr herläuft, heißt Hati, Hrodwitnirs Sohn. Er will den Mond fangen, und so wird es geschehen.“

Da sprach Gangleri: „Von welchem Geschlecht stammen die Wölfe?“

Har sagte: „Eine Riesin wohnt östlich von Midgard in dem Wald, der Jarnwid heißt. In diesem Wald wohnen die Trollfrauen, die Jarnwidjen heißen. Die alte Riesin gebiert viele Riesensöhne, alle in Wolfsgestalt, und von ihnen stammen diese Wölfe ab. Es heißt, dass einer aus diesem Geschlecht der mächtigste wird; er wird Managarm genannt. Er sättigt sich am Leben all der Menschen, die sterben, und verschlingt den Mond und bespritzt Himmel und Luft ringsum mit Blut. Davon verliert die Sonne ihren Glanz, und die Winde werden ungestüm und brausen von allen Seiten. So heißt es in der Völuspá:

Im Osten wohnt die Alte
im Jarnwid
und gebiert dort
Fenriswolfs Nachkommen;
von ihnen allen wird
einer einst
des Mondes Verschlinger
in Trollgestalt.

Er sättigt sich am Leben
todgeweihter Menschen,
rötet der Götter Wohnstatt
mit rotem Blut;
schwarz wird der Sonnenschein
in den Sommern danach,
alles Wetter unheilvoll.
Wisst ihr noch mehr – oder was?“

13

Da sprach Gangleri: „Welcher Weg führt von der Erde zum Himmel?“

Da antwortete Har und lachte: „Das ist nun keine kundige Frage. Ist dir nicht erzählt worden, dass die Götter eine Brücke von der Erde zum Himmel gebaut haben, die Bifröst heißt? Du wirst sie gesehen haben. Vielleicht nennst du sie Regenbogen. Sie hat drei Farben und ist sehr stark und mit mehr Kunst und Können gebaut als andere Werke. Doch so stark sie ist, wird sie zerbrechen, wenn Muspells Söhne über sie reiten. Ihre Pferde schwimmen dann über große Flüsse. So gelangen sie voran.“

Da sprach Gangleri: „Mir scheint, die Götter haben beim Bau der Brücke keine zuverlässige Arbeit geleistet, wenn sie zerbrechen kann, obwohl sie doch alles so machen können, wie sie wollen.“

Da sprach Har: „Die Götter verdienen keinen Tadel für dieses Werk. Bifröst ist eine gute Brücke, doch nichts in dieser Welt kann auf seine Stärke vertrauen, wenn Muspells Söhne zum Kampf ziehen.“

14

Da sprach Gangleri: „Was tat Allvater, als Asgard erbaut war?“

Har sprach: „Zu Beginn setzte er die Herrscher auf ihre Sitze und bat sie, mit ihm über die Schicksale der Menschen zu urteilen und über die Einrichtung der Burg zu beraten. Das geschah dort, wo es Idafeld heißt, mitten in der Burg. Ihr erstes Werk war, den Tempel zu bauen, in dem ihre zwölf Sitze stehen, neben dem Hochsitz, der Allvater gehört. Dieses Haus ist das am besten gebaute und größte auf Erden. Außen und innen ist es ganz wie aus lauter Gold. Diesen Ort nennen die Menschen Gladsheim. Sie bauten noch einen anderen Saal. Das war ein Heiligtum, das den Göttinnen gehörte, und es war wunderschön. Dieses Haus nennen die Menschen Wingolf. Danach bauten sie ein Haus, in das sie Schmiedeessen setzten, und dazu fertigten sie Hammer, Zange und Amboss und damit alle anderen Werkzeuge. Danach bearbeiteten sie Metall, Stein und Holz und das Metall, das Gold heißt, in solcher Fülle, dass sie allen Hausrat und alles Geschirr aus Gold hatten. Dieses Zeitalter wird das Goldalter genannt, bevor es durch die Ankunft der Frauen verdorben wurde. Sie kamen aus Jötunheim.

Danach setzten sich die Götter auf ihre Sitze, hielten Gericht und besannen sich darauf, wie die Zwerge im Erdreich und tief unten in der Erde zum Leben erwacht waren, wie Maden im Fleisch. Die Zwerge hatten sich zuerst im Fleisch Ymirs gebildet und waren darin lebendig geworden; damals waren sie Maden. Doch auf Beschluss der Götter erhielten sie menschlichen Verstand und Menschengestalt, wohnen aber dennoch in der Erde und in Steinen. Modsognir war der vornehmste und Durin der zweite. So heißt es in der Völuspá:

Da gingen alle Mächte
auf die Richterstühle,
die hochheiligen Götter,
und berieten darüber,
wer der Zwerge
Schar erschaffen sollte
aus der blutigen Brandung
und aus Blains Gebeinen.

Dort wurden viele
Menschengestalten geschaffen,
Zwerge in der Erde,
wie Durin es sagte.

Und diese Namen der Zwerge nennt sie:

Nyi, Nidi,
Nordri, Sudri,
Austri, Westri,
Althjof, Dwalin,
Nal, Nain,
Niping, Dain,
Bifur, Bafur,
Bombur, Nori,
Ori, Onar,
Oin, Mjödwitnir.

Wigg und Gandalf,
Windalf, Thorin,
Fili, Kili,
Fundin, Wali,
Thror, Throin,
Thekk, Lit und Wit,
Nyr, Nyrad,
Rekk, Radswid.

Auch diese sind Zwerge und wohnen in Steinen, die vorigen aber im Erdreich:

Draupnir, Dolgthwari,
Har, Hugstari,
Hledjolf, Gloin,
Dori, Ori,
Duf, Andvari,
Heftifili,
Har, Swiar.

Diese aber kamen von Swarins Hügel nach Aurwang auf Jöruwall, und von ihnen stammt Lofar ab. Dies sind ihre Namen:

Skirfir, Wirfir,
Skafid, Ai,
Alf, Yngvi,
Eikinskjaldi,
Fal, Frosti,
Fid, Ginnar.“

15

Da sprach Gangleri: „Wo ist die Hauptstätte oder die heilige Stätte der Götter?“

Har antwortete: „Sie ist bei der Esche Yggdrasil. Dort sollen die Götter jeden Tag Gericht halten.“

Da sprach Gangleri: „Was ist von diesem Ort zu erzählen?“

Da sagte Jafnhar: „Die Esche ist der größte und beste aller Bäume. Ihre Äste breiten sich über die ganze Welt aus und reichen über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht und erstrecken sich sehr weit. Eine ist bei den Asen, die zweite bei den Reifriesen, dort, wo einst Ginnungagap war. Die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel liegt Hvergelmir; Nidhögg aber nagt von unten an der Wurzel. Unter der Wurzel, die sich zu den Reifriesen hin erstreckt, liegt Mimirs Brunnen, in dem Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Herr des Brunnens heißt Mimir. Er ist voller Wissen, weil er mit dem Gjallarhorn aus dem Brunnen trinkt. Dorthin kam Allvater und bat um einen einzigen Trunk aus dem Brunnen, doch er erhielt ihn erst, als er sein Auge zum Pfand gab. So heißt es in der Völuspá:

Alles weiß ich, Odin,
wo du dein Auge bargst:
in dem berühmten
Brunnen Mimirs.
Met trinkt Mimir
jeden Morgen
aus Walvaters Pfand.
Wisst ihr noch mehr – oder was?

Die dritte Wurzel der Esche steht im Himmel, und unter dieser Wurzel liegt ein sehr heiliger Brunnen, der Urds Brunnen heißt. Dort haben die Götter ihre Gerichtsstätte. Jeden Tag reiten die Asen über Bifröst dorthin hinauf. Sie heißt auch Asenbrücke. Die Pferde der Asen heißen so: Sleipnir ist das beste, es gehört Odin. Es hat acht Beine. Das zweite ist Gladr, das dritte Gyllir, das vierte Glen, das fünfte Skeidbrimir, das sechste Silfrintopp, das siebte Sinir, das achte Gisl, das neunte Falhofnir, das zehnte Gulltopp, das elfte Lettfeti. Balders Pferd wurde mit ihm verbrannt. Thor aber geht zu Fuß zum Gericht und watet durch die Flüsse, die so heißen:

Körmt und Örmt
und die beiden Kerlaugar,
durch sie soll Thor waten
jeden Tag,
wenn er zum Gericht geht
bei der Esche Yggdrasil,
denn die Asenbrücke
brennt ganz in Flammen,
die heiligen Wasser wallen.“

Da sprach Gangleri: „Brennt Feuer über Bifröst?“

Har sagte: „Was du im Bogen rot siehst, ist brennendes Feuer. Reifriesen und Bergriesen würden zum Himmel hinaufsteigen, wenn Bifröst für alle gangbar wäre, die sie überschreiten wollen. Viele schöne Orte gibt es im Himmel, und überall ist göttlicher Schutz davor. Dort steht unter der Esche beim Brunnen ein schöner Saal, und aus diesem Saal kommen drei Mädchen, die Urd, Verdandi und Skuld heißen. Diese Mädchen bestimmen den Menschen ihre Lebenszeit. Wir nennen sie Nornen. Es gibt noch mehr Nornen, die zu jedem neugeborenen Kind kommen, um seine Lebenszeit zu bestimmen. Die einen sind göttlicher Herkunft, andere stammen aus dem Geschlecht der Alben und die dritten aus dem Geschlecht der Zwerge, wie es hier heißt:

Von sehr verschiedener Herkunft,
sage ich, sind die Nornen,
sie haben kein gemeinsames Geschlecht;
manche stammen von den Asen,
manche stammen von den Alben,
manche sind Dwalins Töchter.“

Da sprach Gangleri: „Wenn die Nornen über die Schicksale der Menschen bestimmen, dann teilen sie höchst ungleich aus: Manche haben ein gutes Leben und großen Reichtum, andere wenig Besitz oder Ansehen, manche ein langes Leben, manche ein kurzes.“

Har sagte: „Gute Nornen von edler Herkunft bestimmen ein gutes Leben. Wenn Menschen aber ein schlimmes Schicksal trifft, dann sind böse Nornen daran schuld.“

16

Da sprach Gangleri: „Was gibt es noch an großen Wundern von der Esche zu erzählen?“ Har sagt: „Davon ist vieles zu erzählen. Ein Adler sitzt in den Zweigen der Esche, und er weiß vieles; zwischen seinen Augen aber sitzt ein Habicht, der Vedrfölnir heißt. Ein Eichhörnchen namens Ratatosk läuft an der Esche auf und nieder und trägt gehässige Worte zwischen dem Adler und Nidhögg hin und her. Vier Hirsche aber laufen in den Zweigen der Esche und beißen ihr Laub ab. Sie heißen Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror. Und so viele Schlangen sind bei Nidhögg in Hvergelmir, dass keine Zunge sie zählen kann. So heißt es hier:

Yggdrasils Esche
leidet größere Mühsal,
als die Menschen wissen;
ein Hirsch beißt oben,
an der Seite aber fault sie,
Nidhögg nagt unten an ihr.

Weiter heißt es:

Mehr Schlangen liegen
unter Yggdrasils Esche,
als irgendein törichter Narr sich denkt.
Goin und Moin,
sie sind Grafwitnirs Söhne,
Grabak und Grafwöllud,
Ofnir und Swafnir,
werden, glaube ich, immer
an den Zweigen des Baumes zehren.

Ferner wird erzählt, dass die Nornen, die am Urdbrunnen wohnen, jeden Tag Wasser aus dem Brunnen schöpfen und dazu den Schlamm nehmen, der um den Brunnen liegt, und es über die Esche gießen, damit ihre Zweige nicht verdorren oder verfaulen. Dieses Wasser aber ist so heilig, dass alles, was dort in den Brunnen gelangt, so weiß wird wie das Häutchen, das innen an der Eierschale liegt und Schalenhaut heißt, wie es hier heißt:

Eine Esche weiß ich begossen,
Yggdrasil heißt sie,
ein hoher, heiliger Baum,
mit weißem Schlamm;
von dort kommt der Tau,
der in die Täler fällt;
immergrün steht sie über
dem Urdbrunnen.

Den Tau, der von dort auf die Erde fällt, nennen die Menschen Honigtau, und davon nähren sich die Bienen. Zwei Vögel werden im Urdbrunnen ernährt. Sie heißen Schwäne, und von diesen Vögeln stammt das Vogelgeschlecht ab, das so heißt.“

17

Da sprach Gangleri: „Von großen Dingen am Himmel weißt du zu erzählen. Welche Hauptstätten gibt es dort außer dem Urdbrunnen?“ Har sagt: „Viele herrliche Orte gibt es dort. Einer davon heißt Alfheim. Dort wohnt das Volk, das Lichtalben heißt; die Dunkelalben aber wohnen unten in der Erde. Sie unterscheiden sich von jenen im Aussehen und noch viel mehr in ihrem Wesen. Die Lichtalben sind schöner anzusehen als die Sonne, die Dunkelalben aber schwärzer als Pech. Dort gibt es einen Ort, der Breidablik genannt wird, und kein Ort dort ist schöner. Dort ist auch der, der Glitnir heißt; seine Wände, sämtliche Pfosten und Säulen sind aus rotem Gold, sein Dach aber aus Silber. Dort gibt es ferner den Ort, der Himinbjörg heißt. Er liegt am Ende des Himmels, am Brückenkopf, wo Bifröst den Himmel erreicht. Dort gibt es noch einen großen Ort namens Walaskjalf. Dieser Ort gehört Odin. Die Götter haben ihn erbaut und mit reinem Silber gedeckt; in dieser Halle steht Hlidskjalf, der Hochsitz, der so heißt. Wenn Allvater auf diesem Sitz sitzt, überblickt er alle Welten. Am südlichen Ende des Himmels steht die Halle, die von allen die schönste und heller als die Sonne ist und Gimle heißt. Sie wird stehen bleiben, wenn Himmel und Erde vergangen sind, und gute und gerechte Menschen werden diesen Ort für alle Zeiten bewohnen. So heißt es in der Völuspá:

Eine Halle sehe ich stehen,
schöner als die Sonne,
mit Gold gedeckt,
auf Gimle;
dort werden treue
Scharen wohnen
und für alle Zeiten
Wonne genießen.“

Da sprach Gangleri: „Was schützt diesen Ort, wenn Surts Lohe Himmel und Erde verbrennt?“ Har sagt: „Es heißt, dass südlich und oberhalb dieses Himmels ein zweiter Himmel liegt, der Andlang heißt; ein dritter Himmel liegt noch über diesem und heißt Widblain. An diesem Himmel, glauben wir, befindet sich jener Ort. Wir glauben aber, dass jetzt allein die Lichtalben diese Stätten bewohnen.“

18

Da sprach Gangleri: „Woher kommt der Wind? Er ist so stark, dass er große Meere aufwühlt, und er facht das Feuer an. Doch so stark er ist, kann man ihn nicht sehen; darum ist er von wunderlicher Beschaffenheit.“ Da sprach Har: „Das kann ich dir wohl sagen. Am nördlichen Ende des Himmels sitzt ein Riese, der Hräswelg heißt. Er hat Adlergestalt, und wenn er die Flügel zum Flug ausbreitet, entstehen unter seinen Flügeln die Winde. Hier heißt es so:

Hräswelg heißt er,
der am Ende des Himmels sitzt,
ein Riese in Adlergestalt;
von seinen Flügeln,
so heißt es, kommt der Wind
über alle Menschen.“

19

Da sprach Gangleri: „Warum ist der Unterschied so groß, dass der Sommer heiß sein soll, der Winter aber kalt?“ Har sagt: „Ein so kundiger Mann würde das nicht fragen, denn davon wissen alle zu erzählen. Wenn du allein aber so unwissend geblieben bist, dass du dies nicht gehört hast, will ich dir doch zugutehalten, dass du lieber einmal eine unwissende Frage stellst, als länger in Unkenntnis dessen zu bleiben, was man wissen sollte. Swasud heißt der Vater des Sommers, und er führt ein so glückliches Leben, dass nach seinem Namen das Liebliche ›swaslig‹ genannt wird. Der Vater des Winters aber wird bald Windloni, bald Windswal genannt. Er ist Wasads Sohn, und diese Verwandten waren grimmig und kaltherzig; der Winter hat ihr Gemüt.“

20

Da sprach Gangleri: „Welche Asen sind es, an die die Menschen glauben sollen?“ Har sagt: „Zwölf sind die Asen von göttlichem Geschlecht.“ Da sprach Jafnhar: „Die Asinnen sind nicht weniger heilig, und ihre Macht ist nicht geringer.“ Da sprach Thridi: „Odin ist der höchste und älteste der Asen. Er herrscht über alle Dinge, und so mächtig die anderen Götter auch sind, dienen sie ihm doch alle wie Kinder ihrem Vater. Frigg aber ist seine Frau, und sie kennt die Schicksale der Menschen, obwohl sie keine Weissagungen ausspricht, wie hier erzählt wird, dass Odin selbst zu dem Asen namens Loki sprach:

Wahnsinnig bist du, Loki,
und von Sinnen;
warum hältst du nicht ein, Loki?
Alle Schicksale kennt Frigg,
so glaube ich,
obwohl sie selbst sie nicht ausspricht.

Odin heißt Allvater, weil er der Vater aller Götter ist. Er heißt auch Walvater, weil alle, die in der Schlacht fallen, seine erwählten Söhne sind. Ihnen weist er Walhall und Wingolf zu, und sie heißen dann Einherjer. Er heißt auch Hangagud und Haftagud, Farmagud, und noch mit weiteren Namen hat er sich genannt, als er zu König Geirröd gekommen war:

Grim nannte ich mich
und Gangleri,
Herjan, Hjalmberi,
Thekk, Thridi,
Thud, Ud,
Helblindi, Har, Sad, Swipal,
Sanngetal,
Herteit, Hnikar,
Bileyg, Baleyg,
Bölverk, Fjölnir,
Grimnir, Glapswid, Fjölswid,
Sidhött, Sidskegg,
Sigvater, Hnikud,
Allvater, Atrid, Farmatyr,
Oski, Omi,
Jafnhar, Biflindi,
Göndlir, Harbard,
Swidur, Swidrir,
Jalk, Kjalar, Widur,
Thror, Ygg, Thund,
Wakr, Skilfing,
Wafud, Hroftatyr,
Gaut, Weratyr.“

Da sprach Gangleri: „Ungeheuer viele Namen habt ihr ihm gegeben, und wahrhaftig, das muss ein großes Wissen sein, wenn einer die Bedeutung und die Geschichten dazu kennt, welche Begebenheiten zu jedem dieser Namen geführt haben.“ Da sagt Har: „Es bedarf großer Sachkenntnis, dies sorgfältig in Erinnerung zu rufen. Doch lässt sich dir in Kürze sagen, dass die meisten Namen aus folgendem Grund gegeben worden sind: So viele verschiedene Sprachen es auf der Welt gibt, so meinen alle Völker, seinen Namen für ihre Anrufungen und Gebete in ihre eigene Sprache übertragen zu müssen. Manche Begebenheiten aber, die zu diesen Namen führten, haben sich auf seinen Reisen zugetragen und sind in Erzählungen festgehalten. Du wirst dich keinen kundigen Mann nennen können, wenn du von diesen großen Ereignissen nicht zu erzählen weißt.“

21

Da sprach Gangleri: „Wie heißen die anderen Asen, was tun sie, und welche Taten haben ihnen Ruhm eingebracht?“ Har sagt: „Der hervorragendste unter ihnen ist Thor, der Asen-Thor oder Wagen-Thor genannt wird. Er ist der stärkste aller Götter und Menschen. Sein Reich heißt Thrudwang, seine Halle aber Bilskirnir. In dieser Halle sind fünfhundertvierzig Gemächer. Sie ist das größte Haus, von dem die Menschen wissen. So heißt es in den Grímnismál:

Fünfhundert Gemächer
und dazu vierzig,
so zähle ich Bilskirnir mit seinen Buchten;
von allen Häusern,
die ich bedacht weiß,
ist meines Sohnes, weiß ich, das größte.

Thor hat zwei Böcke, die Tanngnjost und Tanngrisnir heißen, und einen Wagen, auf dem er fährt; die Böcke aber ziehen den Wagen. Darum wird er Wagen-Thor genannt. Er besitzt auch drei Kleinodien. Eines davon ist der Hammer Mjölnir, den die Reifthursen und Bergriesen erkennen, sobald er in die Luft erhoben wird, und das ist kein Wunder: Er hat schon manchem ihrer Väter oder Verwandten den Schädel zerschmettert. Ein zweites, vortreffliches Kleinod besitzt er, den Kraftgürtel; wenn er ihn umschnallt, wächst seine Asenkraft um die Hälfte. Als Drittes besitzt er etwas von großem Wert: eiserne Handschuhe. Die kann er nicht entbehren, wenn er den Hammerstiel greift. Doch niemand ist so kundig, dass er alle seine Großtaten aufzählen könnte. Ich aber kann dir so viele Geschichten von ihm erzählen, dass manche Stunde vergehen wird, ehe alles erzählt ist, was ich weiß.“

22

Da sprach Gangleri: „Ich möchte von weiteren Asen hören.“ Har sagt: „Ein anderer Sohn Odins ist Balder, und von ihm ist Gutes zu erzählen. Er ist der Beste, und alle loben ihn. Er ist so schön und hell von Angesicht, dass ein Leuchten von ihm ausgeht. Ein Kraut ist so weiß, dass man es mit Balders Braue vergleicht. Es ist das weißeste aller Kräuter, und daran kannst du ermessen, wie schön sein Haar und sein Leib sind. Er ist der weiseste der Asen, der beredteste und der barmherzigste; doch gehört es zu seinem Wesen, dass keiner seiner Urteilssprüche Bestand haben kann. Er wohnt an dem Ort, der Breidablik heißt. Er liegt am Himmel. An diesem Ort darf nichts Unreines sein, wie es hier heißt:

Breidablik heißt es,
wo Balder sich
Hallen erbaut hat,
in dem Land,
wo, wie ich weiß,
die wenigsten Unheilszeichen liegen.“

23

Der dritte Ase ist der, der Njörd genannt wird. Er wohnt am Himmel, dort, wo es Noatun heißt. Er lenkt den Lauf des Windes und besänftigt Meer und Feuer. Ihn soll man für Seefahrt und Fang anrufen. Er ist so reich und mit Gütern gesegnet, dass er den Menschen Reichtum an Land oder beweglicher Habe schenken kann. Darum soll man ihn anrufen. Njörd stammt nicht aus dem Geschlecht der Asen. Er wuchs in Wanenheim auf; die Wanen aber gaben ihn den Göttern als Geisel und nahmen dafür den, der Hönir heißt, als Geisel entgegen. Er wurde zum Unterpfand des Friedens zwischen den Göttern und den Wanen. Njörd hat eine Frau namens Skadi, die Tochter des Riesen Thjazi. Skadi will den Wohnsitz haben, der ihrem Vater gehört hatte; er liegt in einem Gebirge, dort, wo es Thrymheim heißt. Njörd aber will nahe am Meer sein. Sie einigten sich darauf, neun Nächte in Thrymheim zu verbringen und dann weitere neun in Noatun. Als Njörd aber aus dem Gebirge nach Noatun zurückkam, sprach er diese Verse:

Verhasst sind mir die Berge,
nicht lange war ich dort,
nur neun Nächte;
das Heulen der Wölfe
klang mir übel
neben dem Gesang der Schwäne.

Da sprach Skadi diese Verse:

Schlafen konnte ich nicht
auf den Betten am Meer
vor dem Geschrei des Vogels;
mich weckt,
die vom weiten Meer kommt,
jeden Morgen die Möwe.

Da zog Skadi hinauf ins Gebirge und nahm in Thrymheim Wohnung. Sie fährt viel auf Ski umher, trägt einen Bogen und schießt Wild. Sie heißt Skigottheit oder Skidise. So heißt es:

Thrymheim heißt es,
wo Thjazi wohnte,
der übermächtige Riese;
doch nun wohnt Skadi,
die strahlende Braut der Götter,
auf des Vaters altem Hof.

24

Njörd in Noatun zeugte später zwei Kinder. Das eine hieß Freyr, die Tochter aber Freyja. Sie waren schön von Gestalt und mächtig. Freyr ist der vorzüglichste unter den Asen. Er gebietet über Regen und Sonnenschein und damit über die Früchte der Erde, und es ist gut, ihn um ein fruchtbares Jahr und Frieden anzurufen. Er gebietet auch über den Wohlstand der Menschen. Freyja aber ist die vorzüglichste unter den Asinnen. Sie besitzt im Himmel einen Wohnsitz, der Folkwang heißt. Und wo immer sie zum Kampf reitet, gehört ihr die Hälfte der Gefallenen, die andere Hälfte aber Odin, wie es hier heißt:

Folkwang heißt es,
und dort bestimmt Freyja
die Sitze im Saal;
die Hälfte der Gefallenen
wählt sie jeden Tag,
die andere Hälfte gehört Odin.

Ihr Saal Sessrumnir ist groß und schön. Wenn sie ausfährt, sitzt sie in einem Wagen und lässt sich von zwei Katzen ziehen. Sie ist den Menschen am zugänglichsten, wenn sie sie anrufen, und von ihrem Namen stammt der Ehrentitel, mit dem vornehme Frauen als Frauen bezeichnet werden. Liebeslieder gefielen ihr sehr. Es ist gut, sie in Liebesdingen anzurufen.“

25

Da sprach Gangleri: „Diese Asen scheinen mir sehr mächtig, und es ist kein Wunder, dass euch große Kraft innewohnt, da ihr über die Götter Bescheid wisst und wisst, an wen man sich mit jeder Bitte wenden soll. Gibt es noch weitere Götter?“

Har sagt: „Ein weiterer Ase heißt Tyr. Er ist der kühnste und mutigste, und er entscheidet vielfach über den Sieg in Schlachten. Für tapfere Männer ist es gut, ihn anzurufen. Es ist eine Redensart, dass einer tyrkühn ist, wenn er andere Männer übertrifft und vor nichts zurückschreckt. Er war auch weise, sodass man ebenfalls sagt, einer sei tyrweise, wenn er der weiseste ist. Ein Beweis seiner Kühnheit ist dies: Als die Asen den Fenriswolf dazu verlockten, sich die Fessel Gleipnir anlegen zu lassen, traute er ihnen nicht zu, dass sie ihn wieder lösen würden, ehe sie ihm Tyrs Hand als Pfand ins Maul legten. Als die Asen ihn dann nicht lösen wollten, biss er die Hand an der Stelle ab, die nun Wolfsgelenk heißt. Seitdem ist Tyr einhändig und wird nicht als Friedensstifter unter den Menschen bezeichnet.

26

Einer heißt Bragi. Er ist berühmt für seine Weisheit und vor allem für seine Redekunst und Wortgewandtheit. Er versteht am meisten von der Dichtkunst, und nach ihm wird die Dichtkunst Bragr genannt. Nach seinem Namen nennt man auch einen Mann oder eine Frau Bragr der Männer oder Bragr der Frauen, wenn sie andere an Wortgewandtheit übertreffen. Seine Frau ist Idun. Sie bewahrt in ihrer Schachtel die Äpfel auf, in die die Götter beißen sollen, wenn sie altern. Dann werden sie alle wieder jung, und so wird es bis zu Ragnarök bleiben.“

Da sprach Gangleri: „Mir scheint, dass für die Götter sehr viel von Iduns Obhut und Treue abhängt.“

Da sprach Har und lachte dabei: „Einmal hätte das beinahe ins Verderben geführt. Davon werde ich dir erzählen können, doch zuerst sollst du noch weitere Namen der Asen hören.

27

Einer heißt Heimdall. Er wird der weiße Ase genannt. Er ist groß und heilig. Neun Jungfrauen gebaren ihn als Sohn, und sie waren alle Schwestern. Er heißt auch Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne waren aus Gold. Sein Pferd heißt Gulltopp. Er wohnt an dem Ort, der Himinbjörg heißt, bei Bifröst. Er ist der Wächter der Götter und sitzt dort am Ende des Himmels, um die Brücke vor den Bergriesen zu bewachen. Er braucht weniger Schlaf als ein Vogel. Er sieht bei Nacht ebenso wie bei Tag hundert Meilen weit. Er hört auch, wie das Gras auf der Erde oder die Wolle auf den Schafen wächst, und alles, was einen lauteren Schall erzeugt. Er besitzt ein Horn, das Gjallarhorn heißt, und sein Blasen hört man in allen Welten. Heimdalls Schwert wird Menschenhaupt genannt. Hier heißt es so:

Himinbjörg heißt es,
und dort soll Heimdall
über die Heiligtümer walten;
dort trinkt der Götterwächter
in behaglicher Halle
froh den guten Met.

Und ferner sagt er selbst im Heimdallargaldr:

Neun Mütter Sohn bin ich,
neun Schwestern Sohn bin ich.

28

Einer der Asen heißt Hödur. Er ist blind. Er ist sehr stark, doch die Götter wünschten, man müsste diesen Asen nicht nennen, denn seine Taten werden Göttern und Menschen lange im Gedächtnis bleiben.

29

Einer heißt Widar, der schweigsame Ase. Er hat einen dicken Schuh. Er ist nach Thor der stärkste. Auf ihn setzen die Götter in allen Bedrängnissen großes Vertrauen.

30

Einer heißt Ali oder Wali, der Sohn Odins und Rinds. Er ist kühn in Schlachten und ein sehr treffsicherer Schütze.

31

Einer heißt Ull, der Sohn Sifs und Stiefsohn Thors. Er ist ein so guter Bogenschütze und so gewandt auf Skiern, dass niemand mit ihm wetteifern kann. Er ist auch schön von Gestalt und besitzt alle Fähigkeiten eines Kriegers. Es ist auch gut, ihn im Zweikampf anzurufen.

32

Forseti heißt der Sohn Balders und Nannas, der Tochter Neps. Er besitzt im Himmel einen Saal, der Glitnir heißt. Alle aber, die mit schwierigen Rechtsstreitigkeiten zu ihm kommen, gehen versöhnt wieder fort. Das ist die beste Gerichtsstätte bei Göttern und Menschen. Hier heißt es so:

Glitnir heißt ein Saal,
von Gold ist er gestützt
und ebenso mit Silber gedeckt;
und dort wohnt Forseti
die meiste Zeit
und schlichtet alle Streitigkeiten.

33

Noch einer wird zu den Asen gezählt, den manche den Verleumder der Asen, den Urheber aller Falschheit und die Schande aller Götter und Menschen nennen. Er heißt Loki oder Lopt und ist der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heißt Laufey oder Nal. Seine Brüder sind Byleist und Helblindi. Loki ist hübsch und schön anzusehen, von böser Gesinnung und sehr wandelbar in seinem Verhalten. Er besaß mehr als andere jene Klugheit, die man List nennt, und wusste sich in allen Dingen mit Ränken zu helfen. Er brachte die Asen immer wieder in große Schwierigkeiten und befreite sie oft durch listige Anschläge daraus. Seine Frau heißt Sigyn, ihr Sohn Nari oder Narwi.

34

Loki hatte noch weitere Kinder. Angrboda hieß eine Riesin in Jötunheim. Mit ihr zeugte Loki drei Kinder. Das eine war der Fenriswolf, das zweite Jörmungand, das ist die Midgardschlange, das dritte Hel. Als die Götter erfuhren, dass diese drei Geschwister in Jötunheim aufwuchsen, und aus Weissagungen ermittelten, dass ihnen von diesen Geschwistern großes Unheil und Unglück drohen würde, erwarteten alle viel Böses von ihnen, schon wegen ihrer mütterlichen und noch mehr wegen ihrer väterlichen Herkunft. Da sandte Allvater die Götter aus, die Kinder zu holen und zu ihm zu bringen. Als sie zu ihm kamen, warf er die Schlange in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt. Die Schlange wuchs so sehr, dass sie mitten im Meer um alle Länder liegt und sich in den Schwanz beißt.

Hel warf er nach Niflheim und gab ihr Gewalt über neun Welten, damit sie allen, die zu ihr gesandt wurden, ihre Unterkunft zuwies; das sind die Menschen, die an Krankheit oder Alter sterben. Sie hat dort große Wohnstätten, und ihre Einfriedungen sind außerordentlich hoch und ihre Tore groß. Eljudnir heißt ihr Saal, Hunger ihre Schüssel, Mangel ihr Messer, Ganglati ihr Knecht, Ganglöt ihre Magd, Fallandaforad ihre Schwelle am Eingang, Kör ihr Bett und Blikjandaböl ihr Bettvorhang. Sie ist zur Hälfte blauschwarz, zur Hälfte hautfarben. Daran ist sie leicht zu erkennen, und sie blickt recht finster und grimmig drein.

Den Wolf zogen die Asen bei sich auf, und nur Tyr hatte den Mut, zu ihm zu gehen und ihm Futter zu geben. Als die Götter aber sahen, wie sehr er jeden Tag wuchs, und alle Weissagungen verkündeten, dass er ihnen zum Schaden bestimmt sei, fassten die Asen den Plan, eine sehr starke Fessel anzufertigen. Sie nannten sie Läding, brachten sie zu dem Wolf und baten ihn, seine Kraft an der Fessel zu erproben. Dem Wolf schien das seine Kräfte nicht zu übersteigen, und er ließ sie nach Belieben gewähren. Doch gleich beim ersten Mal, als der Wolf sich dagegenstemmte, zerbrach die Fessel. So löste er sich aus Läding.

Darauf fertigten die Asen eine zweite Fessel an, noch einmal halb so stark wie die erste, die sie Dromi nannten. Sie baten den Wolf abermals, diese Fessel zu erproben, und sagten, er werde wegen seiner Kraft hochberühmt werden, wenn ein derart gewaltiges Werk ihn nicht halten könne. Der Wolf bedachte, dass diese Fessel sehr stark war, zugleich aber auch, dass seine Kraft gewachsen war, seit er Läding zerbrochen hatte. Ihm kam der Gedanke, er müsse sich in Gefahr begeben, wenn er berühmt werden wolle, und er ließ sich die Fessel anlegen. Als die Asen meinten, sie seien fertig, schüttelte sich der Wolf, schlug die Fessel auf die Erde, strengte sich gewaltig an und stemmte sich dagegen. Er zerbrach die Fessel, sodass die Stücke weit davonflogen. So schlug er sich aus Dromi frei. Seitdem gebraucht man die Redensart, sich aus Läding zu lösen oder aus Dromi freizuschlagen, wenn etwas mit größter Anstrengung betrieben wird.

Danach fürchteten die Asen, sie würden den Wolf nicht binden können. Da sandte Allvater den, der Skirnir heißt, Freyrs Boten, hinab nach Schwarzalbenheim zu einigen Zwergen und ließ die Fessel anfertigen, die Gleipnir heißt. Sie bestand aus sechs Dingen: aus dem Schall des Katzentritts, dem Bart der Frau, den Wurzeln des Berges, den Sehnen des Bären, dem Atem des Fisches und dem Speichel des Vogels. Und auch wenn du diese Kunde bisher nicht gehört hast, kannst du doch sogleich sichere Belege dafür finden, dass man dich nicht belügt. Du wirst gesehen haben, dass die Frau keinen Bart hat, dass beim Laufen der Katze kein Schall entsteht und dass unter dem Berg keine Wurzeln sind. Und wahrhaftig, alles, was ich dir erzählt habe, ist ebenso wahr, auch wenn darunter Dinge sind, die du nicht nachprüfen kannst.“

Da sprach Gangleri: „Ich kann gewiss erkennen, dass das wahr ist. Die Dinge, die du jetzt als Belege angeführt hast, kann ich sehen. Doch wie fiel die Fessel aus?“

Har sagt: „Das kann ich dir gut sagen. Die Fessel wurde glatt und weich wie ein Seidenband, doch wie fest und stark sie war, sollst du nun hören. Als die Fessel den Asen gebracht wurde, dankten sie dem Boten sehr für die Erledigung seines Auftrags. Dann begaben sich die Asen auf den See, der Amswartnir heißt, zu der Insel, die Lyngwi genannt wird, und riefen den Wolf zu sich. Sie zeigten ihm das Seidenband und baten ihn, es zu zerreißen. Sie sagten, es sei etwas fester, als es bei seiner geringen Dicke scheinen möge. Einer reichte es dem anderen, und jeder versuchte es mit seiner Hände Kraft, doch es riss nicht. Dennoch sagten sie, der Wolf werde es zerreißen können.

Da antwortet der Wolf: ‚Dieses Bändchen scheint mir so beschaffen, dass ich keinen Ruhm davon haben werde, selbst wenn ich ein so schmales Band zerreiße. Ist es aber mit Kunst und Tücke gemacht, obwohl es unscheinbar aussieht, dann kommt dieses Band nicht an meine Füße.‘

Da sagten die Asen, er werde ein schmales Seidenband rasch zerreißen können, da er zuvor schon große eiserne Fesseln zerbrochen habe. ‚Wenn du dieses Band aber nicht zerreißen kannst, wirst du die Götter auch nicht erschrecken können. Dann werden wir dich lösen.‘

Der Wolf sagt: ‚Wenn ihr mich so bindet, dass ich mich nicht befreien kann, dann werdet ihr mich so zum Narren halten, dass ich lange auf eure Hilfe warten muss. Ich habe wenig Lust, mir dieses Band anlegen zu lassen. Doch ehe ihr mir Feigheit vorwerft, soll einer von euch seine Hand in mein Maul legen, zum Pfand dafür, dass dies ohne Betrug geschieht.‘

Da sah einer der Asen den anderen an, und nun schien ihnen ihre Verlegenheit doppelt groß. Niemand wollte seine Hand hergeben, bis Tyr seine rechte Hand vorstreckte und sie dem Wolf ins Maul legte. Als der Wolf sich dagegenstemmte, zog sich das Band fest, und je heftiger er sich wand, desto schärfer schnitt das Band ein. Da lachten alle außer Tyr. Er verlor seine Hand.

Als die Asen sahen, dass der Wolf vollständig gebunden war, nahmen sie die Leine, die von der Fessel ausging und Gelgja heißt, und zogen sie durch eine große Steinplatte – sie heißt Gjöll – und befestigten die Platte tief unten in der Erde. Dann nahmen sie einen großen Stein und stießen ihn noch tiefer in die Erde – er heißt Thwiti – und benutzten diesen Stein als Befestigungspflock. Der Wolf riss das Maul weit auf, tobte heftig und wollte sie beißen. Sie stießen ihm ein Schwert ins Maul. Die Parierstange liegt am Unterkiefer, die Spitze am Oberkiefer. Das ist seine Maulsperre. Er heult entsetzlich, und Speichel fließt aus seinem Maul. Daraus entsteht der Fluss, der Wan heißt. Dort liegt er bis zu Ragnarök.“

Da sprach Gangleri: „Eine erstaunlich böse Kinderschar hat Loki gezeugt, doch alle diese Geschwister sind sehr mächtig. Warum aber töteten die Asen den Wolf nicht, da sie doch Böses von ihm zu erwarten haben?“

Har antwortet: „Die Götter hielten ihre Heiligtümer und Friedensstätten so hoch in Ehren, dass sie diese nicht mit dem Blut des Wolfes beflecken wollten, obwohl die Weissagungen sagen, dass er Odin den Tod bringen werde.“

35

Da fragte Gangleri: »Welche sind die Asinnen?« Har sagte: »Frigg ist die höchste. Ihr gehört die Wohnstätte namens Fensalir, und sie ist überaus prächtig. Die zweite ist Saga. Sie wohnt in Sökkwabekk, und das ist ein großer Ort. Die dritte ist Eir. Sie ist die beste Ärztin. Die vierte ist Gefjon. Sie ist Jungfrau, und ihr dienen jene, die als Jungfrauen sterben. Die fünfte ist Fulla. Auch sie ist Jungfrau und trägt das Haar offen und ein goldenes Band um den Kopf. Sie trägt Friggs Kästchen, hütet ihr Schuhwerk und ist in ihre geheimen Ratschlüsse eingeweiht. Freyja ist neben Frigg die vornehmste. Sie vermählte sich mit einem Mann namens Od. Ihre Tochter ist Hnoss. Sie ist so schön, dass nach ihrem Namen alles Schöne und Kostbare hnossir genannt wird. Od zog auf weiten Wegen fort, und Freyja weint um ihn; ihre Tränen aber sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen, und der Grund dafür ist, dass sie sich verschiedene Namen gab, als sie auf der Suche nach Od unter fremden Völkern umherzog. Sie heißt Mardöll und Hörn, Gefn und Syr. Freyja besaß Brisingamen. Sie wird auch Wanadis genannt. Die siebte ist Sjöfn. Sie bemüht sich sehr, die Herzen der Menschen, der Frauen wie der Männer, der Liebe zuzuwenden, und nach ihrem Namen wird die Liebesneigung sjafni genannt. Die achte ist Lofn. Sie ist so gütig und den Bitten so gewogen, dass sie von Allvater oder Frigg die Erlaubnis zur Verbindung von Menschen, Frauen und Männern, erwirkt, auch wenn diese zuvor verboten war oder als völlig ausgeschlossen galt. Nach ihrem Namen heißt die Erlaubnis lof, und ebenso kommt daher, dass sie von den Menschen viel gelobt wird. Die neunte ist War. Sie hört auf die Eide der Menschen und die vertraulichen Versprechen, die Frauen und Männer einander geben. Deshalb heißen solche Versprechen várar. Sie bestraft auch jene, die sie brechen. Die zehnte ist Wör. Sie ist weise und wissbegierig, sodass ihr nichts verborgen bleiben kann. Daher sagt man, eine Frau werde einer Sache gewahr, wenn sie davon Kenntnis erhält. Die elfte ist Syn. Sie bewacht die Türen der Halle und verschließt sie vor jenen, die nicht hineingehen sollen; auch ist sie bei den Thingversammlungen zur Abwehr solcher Klagen eingesetzt, die sie widerlegen will. Daher sagt man, eine Verweigerung sei vorgebracht, wenn jemand etwas bestreitet. Die zwölfte ist Hlin. Sie ist zur Hüterin jener Menschen bestellt, die Frigg vor irgendeiner Gefahr bewahren will. Daher sagt man von einem, der sich in Sicherheit bringt, er hleinir. Die dreizehnte ist Snotra. Sie ist weise und von feinem Benehmen. Nach ihrem Namen nennt man eine Frau oder einen Mann snotr, wenn sie maßvoll sind. Die vierzehnte ist Gna. Frigg schickt sie mit ihren Aufträgen in verschiedene Welten. Sie besitzt ein Pferd, das durch Luft und Wasser läuft und Hofwarpnir heißt. Einst, als sie ausritt, sahen einige Wanen ihren Ritt durch die Luft. Da sprach einer:

Was fliegt dort,
was zieht dort dahin
oder gleitet durch die Luft?

Sie antwortete:

Ich fliege nicht,
und doch ziehe ich dahin
und gleite durch die Luft
auf Hofwarpnir,
den Hamskerpir
mit Gardrofa zeugte.

Nach Gnas Namen sagt man von etwas, das sich hoch erhebt, es gnæfar. Sol und Bil werden zu den Asinnen gezählt, doch von ihrem Wesen wurde schon zuvor berichtet.«

36

»Es gibt noch andere, die in Walhall dienen, Getränke reichen und für das Tafelgeschirr und die Biergefäße sorgen sollen. So werden sie in den Grimnismal genannt:

Hrist und Mist,
sie sollen mir das Horn reichen,
Skeggjöld und Skögul,
Hild und Thrud,
Hlökk und Herfjötur,
Göll und Geirahöd,
Randgrid und Radgrid
und Reginleif,
sie tragen den Einherjern Bier zu.

Diese heißen Walküren. Odin schickt sie zu jeder Schlacht. Sie bestimmen, welche Männer fallen sollen, und entscheiden über den Sieg. Gud und Rota und die jüngste Norne, die Skuld heißt, reiten stets aus, um die Gefallenen zu erwählen und über die Kämpfe zu entscheiden. Jörd, Thors Mutter, und Rind, Walis Mutter, werden zu den Asinnen gezählt.«

37

»Ein Mann hieß Gymir, und seine Frau hieß Aurboda. Sie stammte aus dem Geschlecht der Bergriesen. Ihre Tochter ist Gerd, die schönste aller Frauen. Eines Tages hatte sich Freyr nach Hlidskjalf begeben und blickte über alle Welten. Als er nach Norden schaute, sah er auf einem Gehöft ein großes und schönes Haus. Zu diesem Haus ging eine Frau, und als sie die Hände hob und die Tür vor sich öffnete, strahlte von ihren Händen ein Licht aus, das Luft und Wasser erhellte, und alle Welten wurden von ihr licht. Und sein großer Hochmut, sich auf jenen heiligen Sitz gesetzt zu haben, wurde ihm damit vergolten, dass er voller Kummer fortging. Als er nach Hause kam, sprach er kein Wort. Er schlief nicht und trank nicht. Auch wagte niemand, ihn zum Reden aufzufordern. Da ließ Njörd Skirnir, Freyrs Diener, zu sich rufen und bat ihn, zu Freyr zu gehen, ihn zum Sprechen zu bewegen und zu fragen, wem er so zürne, dass er mit niemandem rede. Skirnir erklärte, er werde gehen, doch ungern, und sagte, von ihm seien böse Antworten zu erwarten. Als er zu Freyr kam, fragte er, warum Freyr so bekümmert sei und mit niemandem rede. Da antwortete Freyr und sagte, er habe eine schöne Frau gesehen und sei ihretwegen so voller Kummer, dass er nicht lange leben werde, wenn er sie nicht bekomme: ›Und nun sollst du gehen und für mich um sie werben und sie hierher nach Hause bringen, ob ihr Vater will oder nicht, und ich werde es dir reichlich lohnen.‹ Da antwortete Skirnir, er werde die Botschaft übernehmen, doch Freyr müsse ihm sein Schwert geben. Das war ein so gutes Schwert, dass es von selbst kämpfte. Freyr ließ es daran nicht fehlen und gab ihm das Schwert. Da zog Skirnir aus, warb für ihn um die Frau und erhielt ihr Versprechen, neun Nächte später an den Ort namens Barrey zu kommen und dort mit Freyr Hochzeit zu halten. Als Skirnir Freyr den Ausgang seiner Sendung berichtete, sprach dieser:

Lang ist eine Nacht,
lang ist eine zweite,
wie kann ich drei ertragen?
Oft schien mir ein Monat
kürzer zu sein
als diese halbe Brautnacht.

Dies ist der Grund, weshalb Freyr so ohne Waffen war, als er mit Beli kämpfte und ihn mit einem Hirschgeweih erschlug.«

Da sagte Gangleri: »Es ist sehr verwunderlich, dass ein so großer Herr wie Freyr sein Schwert weggeben wollte, ohne ein anderes von gleicher Güte zu besitzen. Das muss ihm einen gewaltigen Nachteil gebracht haben, als er gegen jenen kämpfte, der Beli heißt. Wahrhaftig, ich weiß, dass er diese Gabe damals bereut haben muss.«

Da antwortete Har: »Als er und Beli aufeinandertrafen, war das von geringer Bedeutung. Freyr hätte ihn mit bloßer Hand töten können. Es wird aber noch geschehen, dass Freyr den Verlust des Schwertes schmerzlicher empfindet: wenn Muspells Söhne zum Heeren ausziehen.«

38

Da sagte Gangleri: »Du sagst, dass alle Männer, die seit Anbeginn der Welt in einer Schlacht gefallen sind, nun zu Odin nach Walhall gekommen sind. Was hat er ihnen an Speise zu bieten? Ich würde meinen, dass dort eine gewaltige Menschenmenge sein muss.«

Da antwortete Har: »Es ist wahr, was du sagst: Dort ist eine gewaltige Menschenmenge. Doch es werden noch weit mehr werden, und dennoch werden es zu wenige scheinen, wenn der Wolf kommt. Aber niemals sind so viele Menschen in Walhall, dass das Fleisch des Ebers namens Sährimnir nicht für sie ausreichte. Er wird jeden Tag gekocht und ist am Abend wieder unversehrt. Was aber die Frage betrifft, die du jetzt stellst, so scheint mir, dass wohl nur wenige weise genug sind, darüber wahrheitsgemäß Auskunft zu geben. Andhrimnir heißt der Koch und Eldhrimnir der Kessel. So heißt es hier:

Andhrimnir
lässt in Eldhrimnir
Sährimnir kochen,
das beste Fleisch;
doch wenige wissen,
wovon die Einherjer sich nähren.«

Da fragte Gangleri: »Hat Odin dieselbe Kost wie die Einherjer?«

Har sagte: »Die Speise, die auf seinem Tisch steht, gibt er zweien seiner Wölfe, die Geri und Freki heißen. Er selbst braucht keine Speise: Wein ist ihm Trank und Nahrung zugleich. So heißt es hier:

Geri und Freki
sättigt der kampfgewohnte,
ruhmreiche Heervater;
doch von Wein allein
lebt der waffenherrliche
Odin immerdar.

Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen oder hören. Sie heißen Hugin und Munin. Bei Tagesanbruch schickt er sie aus, über die ganze Welt zu fliegen, und zur Zeit des Morgenmahls kehren sie zurück. Dadurch erfährt er vielerlei Neuigkeiten. Deshalb nennen ihn die Menschen Rabengott, wie es heißt:

Hugin und Munin
fliegen jeden Tag
über die weite Erde;
ich bange um Hugin,
dass er nicht wiederkehrt,
doch sorge ich mich mehr um Munin.«

39

Da fragte Gangleri: »Was haben die Einherjer zu trinken, das ihnen ebenso reichlich zur Verfügung steht wie die Speise, oder wird dort Wasser getrunken?«

Da sagte Har: »Eine seltsame Frage stellst du da: ob Allvater Könige oder Jarle oder andere mächtige Männer zu sich einladen und ihnen dann Wasser zu trinken geben würde. Und wahrhaftig, ich weiß, dass mancher nach Walhall kommt, der den Wassertrunk für teuer erkauft hielte, wenn dort keine bessere Bewirtung auf ihn wartete, nachdem er zuvor Wunden und Schmerzen bis zum Tod erduldet hat. Ich kann dir anderes von dort erzählen. Die Ziege namens Heidrun steht oben auf Walhall und frisst Laub von den Zweigen jenes weithin berühmten Baumes, der Lärad heißt. Aus ihren Zitzen fließt Met, mit dem sie jeden Tag einen großen Bottich füllt. Das ist so viel, dass alle Einherjer sich daran satt trinken können.«

Da sagte Gangleri: »Das ist eine überaus nützliche Ziege für sie. Es muss ein ganz vorzüglicher Baum sein, von dem sie frisst.«

Da sagte Har: »Noch bemerkenswerter ist der Hirsch Eikthyrnir, der auf Walhall steht und von den Zweigen dieses Baumes frisst. Von seinem Geweih tropft es so reichlich, dass es nach Hvergelmir hinabfließt, und daraus entspringen die Flüsse, die so heißen: Sid, Widi, Säkin, Ekin, Swöl, Gunnthro, Fjörm, Fimbulthul, Gipul, Göpul, Gömul und Geirwimul. Diese fließen durch die Wohngebiete der Asen. Außerdem werden diese genannt: Thyn, Win, Thöll, Höll, Grad, Gunnthrain, Nyt, Nöt, Nönn, Hrönn, Wina, Wegswinn und Thjodnuma.«

40

Da sagte Gangleri: »Das sind erstaunliche Dinge, die du jetzt erzählt hast. Walhall muss ein gewaltig großes Haus sein. Vor den Türen muss oft großes Gedränge herrschen.«

Da antwortete Har: »Warum fragst du nicht, wie viele Türen die Halle hat oder wie groß sie sind? Wenn du davon hörst, wirst du sagen, es wäre erstaunlich, wenn nicht jeder nach Belieben aus- und eingehen könnte. Doch wahrhaftig lässt sich sagen, dass es ebenso wenig an Platz fehlt, um darin Aufstellung zu nehmen, wie um hineinzugehen. Hier kannst du es in den Grimnismal hören:

Fünfhundert Türen
und noch vierzig dazu,
so meine ich, hat Walhall;
achthundert Einherjer
gehen zugleich durch eine Tür,
wenn sie ausziehen, mit dem Wolf zu kämpfen.«

41

Da sprach Gangleri: „Eine gewaltige Menschenmenge ist in Walhall. Bei meinem Glauben, Odin ist ein überaus mächtiger Fürst, da er ein so großes Heer befehligt. Doch womit unterhalten sich die Einherjer, wenn sie nicht trinken?“

Har sagte: „Jeden Tag, wenn sie sich angekleidet haben, legen sie ihre Waffen an, gehen hinaus in den Hof und kämpfen miteinander, und einer fällt den anderen. Das ist ihr Spiel. Wenn aber die Zeit zum Frühmahl naht, reiten sie heim nach Walhall und setzen sich zum Trinken, wie es hier heißt:

Alle Einherjer
auf Odins Fluren
schlagen einander jeden Tag;
sie wählen die Gefallenen
und reiten vom Kampf heim,
sitzen danach versöhnt beisammen.

Doch wahr ist, was du gesagt hast. Odin ist groß und mächtig. Dafür finden sich viele Beispiele. So heißt es hier mit den Worten der Asen selbst:

Die Esche Yggdrasil,
sie ist der Bäume vornehmster,
Skidbladnir aber der Schiffe,
Odin der Asen,
und der Rosse Sleipnir,
Bifröst der Brücken,
und Bragi der Skalden,
Habrok der Habichte,
und der Hunde Garm.“

42

Da sprach Gangleri: „Wem gehört dieses Pferd, Sleipnir, und was ist von ihm zu erzählen?“

Har sagte: „Du weißt nichts Näheres über Sleipnir und kennst auch nicht die Ereignisse, denen er seine Herkunft verdankt; doch das wirst du gewiss erzählenswert finden. Es war früh in der ersten Zeit, als die Götter ihre Wohnsitze nahmen, nachdem sie Midgard errichtet und Walhall erbaut hatten. Da kam ein Baumeister zu ihnen und bot an, ihnen binnen dreier Halbjahre eine so gute Befestigung zu bauen, dass sie gegen Bergriesen und Reifriesen zuverlässig und sicher wäre, selbst wenn diese bis nach Midgard vordrängen. Als Lohn verlangte er jedoch, Freyja zu erhalten, und außerdem wollte er Sonne und Mond haben.

Da berieten sich die Asen und hielten Rat, und mit dem Baumeister wurde vereinbart, dass er das Verlangte erhalten sollte, wenn er die Befestigung in einem Winter fertigstellen könnte. Wenn aber am ersten Sommertag noch irgendein Teil der Befestigung unvollendet wäre, sollte sein Anspruch auf den Lohn verfallen. Auch durfte er bei der Arbeit von niemandem Hilfe annehmen. Als sie ihm diese Bedingungen nannten, bat er darum, die Hilfe seines Pferdes namens Svadilfari in Anspruch nehmen zu dürfen; und auf Lokis Rat wurde ihm dies zugestanden.

Am ersten Wintertag begann er, die Befestigung zu bauen, und nachts schleppte er mit dem Pferd Steine herbei. Den Asen schien es ein großes Wunder, wie gewaltige Felsblöcke dieses Pferd zog, und das Pferd leistete noch einmal halb so viel schwere Arbeit wie der Baumeister. Ihre Vereinbarung war durch gewichtige Zeugen und viele Eide bekräftigt worden, denn den Riesen schien es nicht sicher, ohne zugesicherten Frieden unter den Asen zu sein, falls Thor heimkäme. Der war damals aber nach Osten gezogen, um Trolle zu erschlagen.

Als der Winter fortschritt, ging der Bau der Befestigung rasch voran, und sie war so hoch und stark, dass man sie nicht angreifen konnte. Drei Tage vor Sommerbeginn war man schon fast bis zum Burgtor gelangt. Da setzten sich die Götter auf ihre Richterstühle, hielten Rat und fragten einander, wer dazu geraten habe, Freyja nach Jötunheim zu verheiraten oder Luft und Himmel so zu verderben, dass man Sonne und Mond von dort nähme und den Riesen gäbe. Alle waren sich einig, dass dazu der geraten haben müsse, der das meiste Unheil anstiftet: Loki, Laufeys Sohn. Sie erklärten, er verdiene einen schlimmen Tod, wenn er keinen Ausweg fände, durch den der Baumeister seinen Lohn verlöre, und gingen auf Loki los. Als er Angst bekam, schwor er Eide, er werde es so einrichten, dass der Baumeister seinen Lohn verlöre, was immer es ihn kosten möge.

Noch am selben Abend, als der Baumeister mit dem Pferd Svadilfari hinausfuhr, um Steine zu holen, sprang eine Stute aus einem Wald auf das Pferd zu und wieherte es an. Als das Pferd merkte, was für ein Tier dies war, wurde es wild, zerriss die Stricke und lief auf die Stute zu. Die aber floh in den Wald, und der Baumeister lief hinterher und wollte das Pferd einfangen. Doch die beiden Pferde liefen die ganze Nacht umher, und der Bau ruhte in dieser Nacht; auch am folgenden Tag wurde nicht so viel gearbeitet wie zuvor.

Als der Baumeister sah, dass die Arbeit nicht vollendet werden würde, geriet er in Riesenwut. Als die Asen nun mit Gewissheit erkannten, dass ein Bergriese zu ihnen gekommen war, wurden die Eide nicht geschont. Sie riefen nach Thor, und sogleich kam er, und gleich darauf schwang sich der Hammer Mjölnir in die Höhe. So zahlte er den Baulohn, und zwar weder mit Sonne noch mit Mond; vielmehr verwehrte er ihm, weiter in Jötunheim zu wohnen, und führte gleich den ersten Schlag so, dass der Schädel in kleine Stücke zerbrach, und sandte ihn hinab unter Niflheim.

Loki aber war mit Svadilfari so umgegangen, dass er einige Zeit später ein Fohlen gebar. Es war grau und hatte acht Beine, und dieses Pferd ist das beste bei Göttern und Menschen. So heißt es in der Völuspá:

Da gingen die Herrscher alle
auf die Richterstühle,
die hochheiligen Götter,
und berieten darüber,
wer die ganze Luft
mit Trug vermischt
oder dem Riesengeschlecht
Ods Mädchen gegeben habe.

Gebrochen wurden Eide,
Worte und Schwüre,
alle bindenden Abreden,
die zwischen ihnen galten;
Thor allein schlug dort zu,
von Zorn erfüllt;
selten bleibt er sitzen,
wenn er von solchem hört.“

43

Da sprach Gangleri: „Was ist von Skidbladnir zu erzählen, da es das beste Schiff ist? Gibt es kein Schiff, das ebenso groß ist?“

Har sagte: „Skidbladnir ist das beste der Schiffe und mit der größten Kunstfertigkeit gebaut, doch Naglfar ist das größte Schiff. Es gehört Muspell. Einige Zwerge, die Söhne Ivaldis, bauten Skidbladnir und schenkten Freyr das Schiff. Es ist so groß, dass alle Asen mit Waffen und Kriegsausrüstung darauf Platz finden, und es hat günstigen Wind, sobald das Segel gehisst wird, wohin es auch fahren soll. Wenn man aber damit nicht zur See fahren will, ist es aus so vielen Teilen und mit solcher Kunstfertigkeit gebaut, dass man es wie ein Tuch zusammenfalten und in seinem Beutel tragen kann.

44

Da sprach Gangleri: „Ein gutes Schiff ist Skidbladnir, doch gewaltige Zauberkunst muss dabei angewandt worden sein, damit so etwas gelingen konnte. Ist Thor denn niemals auf einer Fahrt auf etwas so Mächtiges oder Starkes gestoßen, dass es ihm durch Kraft oder Zauberkunst überlegen war?“

Da sprach Har: „Wenige Menschen, glaube ich, könnten davon erzählen; doch vieles ist ihm schwierig erschienen. Aber selbst wenn etwas so mächtig oder stark gewesen sein sollte, dass Thor es nicht bezwingen konnte, braucht man davon nicht zu erzählen, denn es gibt viele Beispiele dafür, und deshalb sind alle verpflichtet zu glauben, dass Thor der Mächtigste ist.“

Da sprach Gangleri: „Mir scheint, ich hätte euch nach etwas gefragt, wovon niemand zu erzählen vermag.“

Da sprach Jafnhar: „Wir haben von Begebenheiten erzählen hören, bei denen es uns unglaublich erscheint, dass sie wahr sein könnten. Doch hier wird jemand in der Nähe sitzen, der Wahres darüber zu berichten weiß, und du wirst glauben dürfen, dass er jetzt nicht zum ersten Mal lügen wird, da er zuvor niemals gelogen hat.“

Da sprach Gangleri: „Hier werde ich stehen und zuhören, wenn diese Frage irgendwie beantwortet wird; andernfalls erkläre ich euch für überwunden, wenn ihr nicht erzählen könnt, wonach ich frage.“

Da sprach Thridi: „Nun ist deutlich zu sehen, dass er diese Begebenheiten erfahren will, obwohl es uns nicht rühmlich erscheint, davon zu erzählen. Diese Geschichte beginnt damit, dass Wagen-Thor mit seinen Böcken ausfuhr, und mit ihm der Ase, der Loki heißt. Am Abend kamen sie zu einem Bauern und erhielten dort Nachtquartier. Abends nahm Thor seine Böcke und schlachtete beide. Danach wurden sie abgehäutet und zum Kessel gebracht. Als das Fleisch gekocht war, setzte sich Thor mit seinem Gefährten zum Nachtmahl. Thor lud den Bauern, seine Frau und ihre Kinder ein, mit ihm zu essen. Der Sohn des Bauern hieß Thjalfi, die Tochter Röskva.

Thor breitete die Bocksfelle etwas abseits vom Feuer aus und sagte, der Bauer und seine Hausleute sollten die Knochen auf die Bocksfelle werfen. Thjalfi, der Sohn des Bauern, hielt einen Schenkelknochen des Bocks in der Hand, spaltete ihn mit seinem Messer und brach ihn auf, um an das Mark zu gelangen.

Thor blieb über Nacht dort. In der Morgendämmerung, noch vor Tagesanbruch, stand er auf und kleidete sich an, nahm den Hammer Mjölnir, hob ihn und weihte die Bocksfelle. Da standen die Böcke auf, doch einer lahmte an einem Hinterbein. Thor bemerkte es und sagte, der Bauer oder seine Hausleute müssten mit den Knochen des Bocks unachtsam umgegangen sein. Er erkannte, dass der Schenkelknochen gebrochen war.

Darüber braucht man nicht lange zu erzählen. Jeder kann sich denken, wie erschrocken der Bauer gewesen sein muss, als er sah, wie Thor die Brauen über die Augen sinken ließ; und bei dem, was er noch von den Augen sah, glaubte er, schon unter seinem bloßen Blick zusammenbrechen zu müssen. Thor umklammerte den Hammerstiel so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Der Bauer aber tat, was zu erwarten war, und ebenso alle seine Hausleute: Sie schrien laut, baten um Frieden und boten zur Wiedergutmachung alles an, was sie besaßen. Als er aber ihre Angst sah, verließ ihn der Zorn, und er besänftigte sich. Zur Versöhnung nahm er ihre Kinder, Thjalfi und Röskva, an, und sie wurden seine dienstpflichtigen Gefolgsleute und begleiten ihn seither stets.

45

Er ließ die Böcke dort zurück und trat die Reise nach Osten nach Jötunheim an, bis ans Meer, und dann setzte er über das tiefe Meer. Als er das Land erreichte, ging er an Land, und mit ihm Loki, Thjalfi und Röskva. Nachdem sie eine kurze Weile gegangen waren, kamen sie an einen großen Wald. Sie gingen den ganzen Tag bis zum Einbruch der Dunkelheit. Thjalfi war der schnellste Läufer unter allen Menschen. Er trug Thors Proviantsack, doch mit der Verpflegung stand es schlecht.

Als es dunkel geworden war, suchten sie ein Nachtquartier und fanden eine sehr große Halle vor sich. Der Eingang lag an einem Ende und war ebenso breit wie die Halle. Dort suchten sie sich eine Schlafstätte. Um Mitternacht aber gab es ein gewaltiges Erdbeben. Die Erde unter ihnen bewegte sich ruckweise, und das Haus bebte. Da stand Thor auf und rief seine Gefährten. Sie tasteten sich umher und fanden rechts in der Mitte der Halle einen Nebenraum, in den sie hineingingen. Thor setzte sich in den Eingang, während die anderen weiter drinnen hinter ihm waren. Sie hatten Angst, doch Thor hielt den Hammerstiel umklammert und wollte sich verteidigen. Da hörten sie ein gewaltiges Dröhnen und Brausen.

Als es Tag wurde, ging Thor hinaus und sah nicht weit von sich im Wald einen Mann liegen, und der war nicht klein. Er schlief und schnarchte laut. Da glaubte Thor zu begreifen, was es mit dem Lärm in der Nacht auf sich gehabt hatte. Er schnallte sich den Kraftgürtel um, und seine Asenkraft wuchs. In diesem Augenblick erwachte der Mann und stand rasch auf. Da, so wird erzählt, zögerte Thor einmal, mit dem Hammer zuzuschlagen, und fragte ihn nach seinem Namen. Der nannte sich Skrymir: „Doch dich“, sagte er, „brauche ich nicht nach deinem Namen zu fragen. Ich erkenne, dass du Asen-Thor bist. Aber hast du meinen Handschuh fortgezogen?“

Da griff Skrymir danach und hob den Handschuh auf. Nun sah Thor, dass er ihn in der Nacht für eine Halle gehalten hatte; der Nebenraum aber war der Daumen des Handschuhs gewesen. Skrymir fragte, ob Thor ihn zum Reisegefährten haben wolle, und Thor bejahte es. Da nahm Skrymir sein Proviantbündel, band es auf und machte sich daran, sein Frühmahl zu essen, während Thor und seine Gefährten an einer anderen Stelle aßen. Skrymir schlug vor, ihre Vorräte zusammenzulegen, und Thor stimmte zu. Da band Skrymir ihren ganzen Proviant in ein einziges Bündel und nahm es auf den Rücken.

Den Tag über ging er voran und machte ziemlich große Schritte. Spät am Abend suchte Skrymir ihnen unter einer großen Eiche ein Nachtquartier. Da sagte Skrymir zu Thor, er wolle sich schlafen legen: „Ihr aber nehmt das Proviantbündel und bereitet euch euer Nachtmahl.“

Gleich darauf schlief Skrymir ein und schnarchte laut. Thor aber nahm das Proviantbündel und wollte es aufschnüren. Nun ist etwas zu berichten, das unglaublich erscheinen wird: Er konnte keinen Knoten lösen und kein Riemenende so bewegen, dass es lockerer geworden wäre als zuvor. Als er sah, dass diese Mühe nichts fruchtete, wurde er zornig, ergriff den Hammer Mjölnir mit beiden Händen, trat mit einem Fuß vor an die Stelle, wo Skrymir lag, und schlug ihm auf den Kopf. Skrymir aber erwachte und fragte, ob ihm ein Blatt auf den Kopf gefallen sei oder ob sie nun gegessen hätten und bereit seien, sich schlafen zu legen. Thor sagte, sie würden jetzt schlafen gehen. Da gingen sie unter eine andere Eiche. Wahrlich, es ist dir zu sagen, dass sie sich damals nicht ohne Angst schlafen legten.

Um Mitternacht hörte Thor, wie Skrymir fest schlief und schnarchte, sodass es im Wald dröhnte. Da stand er auf, ging zu ihm, schwang den Hammer rasch und kräftig und schlug ihm mitten auf den Scheitel. Er spürte, wie der Hammerkopf tief in den Kopf einsank. Doch in diesem Augenblick erwachte Skrymir und sagte: „Was ist nun? Ist mir eine Eichel auf den Kopf gefallen, oder was ist bei dir los, Thor?“

Thor ging eilig zurück und antwortete, er sei gerade erst aufgewacht; es sei nun Mitternacht, sagte er, und noch immer Zeit zum Schlafen. Thor dachte nun, wenn er Gelegenheit bekäme, ihm den dritten Schlag zu versetzen, sollte Skrymir ihn danach niemals wiedersehen. Er lag nun da und passte auf, ob Skrymir wieder fest einschliefe.

Kurz vor Tagesanbruch hörte er, dass Skrymir wohl eingeschlafen war. Da stand er auf und eilte zu ihm, schwang den Hammer mit aller Kraft und schlug auf die nach oben gewandte Schläfe. Der Hammer sank bis zum Stiel ein. Skrymir aber setzte sich auf, strich sich über die Schläfe und sagte: „Sitzen etwa Vögel im Baum über mir? Mir schien, als ich aufwachte, dass mir etwas Reisig von den Zweigen auf den Kopf fiel. Bist du wach, Thor? Es wird Zeit sein, aufzustehen und sich anzukleiden. Nun habt ihr keinen weiten Weg mehr bis zu der Burg, die Utgard heißt. Ich habe gehört, wie ihr untereinander geflüstert habt, ich sei von Wuchs kein kleiner Mann; doch dort werdet ihr größere Männer sehen, wenn ihr nach Utgard kommt. Nun will ich euch einen guten Rat geben. Tretet nicht allzu großspurig auf. Utgard-Lokis Gefolgsleute werden es kaum dulden, wenn solche Knirpse sie mit Spottreden bedenken. Andernfalls kehrt um, und das, meine ich, wäre für euch die bessere Wahl. Wenn ihr aber weitergehen wollt, dann haltet euch nach Osten. Mein Weg führt nun nach Norden zu diesen Bergen, die ihr jetzt sehen könnt.“

Skrymir nahm das Proviantbündel, warf es sich auf den Rücken und bog quer von ihrem Weg in den Wald ab, von ihnen fort. Es wird nicht berichtet, dass die Asen den Wunsch äußerten, ihn wohlbehalten wiederzusehen.

46

Thor und seine Gefährten setzen ihren Weg fort und wandern bis zum Mittag. Da sahen sie auf einer Ebene eine Burg stehen und mussten den Kopf weit in den Nacken legen, ehe sie über ihre Höhe hinwegsehen konnten. Sie gehen auf die Burg zu; vor dem Burgtor war ein Gatter, und es war verschlossen. Thor trat an das Gatter und bekam es nicht auf. Als sie sich jedoch bemühten, in die Burg zu gelangen, schlüpften sie zwischen den Stäben hindurch und kamen so hinein. Da sahen sie eine große Halle und gingen darauf zu. Die Tür stand offen. Sie gingen hinein und sahen dort viele Männer auf zwei Bankreihen sitzen, die meisten von gewaltiger Größe. Darauf treten sie vor den König Utgard-Loki und begrüßten ihn. Er aber wandte ihnen erst spät den Blick zu, grinste, sodass seine Zähne sichtbar wurden, und sprach: »Über weite Wege dringen die Nachrichten nur langsam; oder verhält es sich anders, als ich denke: Ist dieser junge Bursche etwa Fahr-Thor geworden? Doch du wirst wohl mehr sein, als du mir scheinst. In welchen Künsten glaubt ihr Gefährten euch denn bewähren zu können? Niemand soll hier bei uns bleiben, der nicht irgendeine Kunst oder Fertigkeit besser beherrscht als die meisten Menschen.«

Da sagt der, der als Letzter hereingegangen war und Loki heißt: »Ich beherrsche eine Kunst, in der ich mich jederzeit messen will: Niemand hier drinnen wird sein Essen schneller verzehren als ich.«

Da antwortet Utgard-Loki: »Das ist eine Kunst, wenn du dein Wort hältst, und diese Kunst soll nun erprobt werden.« Er rief die Bank hinunter, der, der Logi heißt, solle auf den Hallenboden vortreten und sich mit Loki messen. Da nahm man einen Trog, trug ihn auf den Hallenboden und füllte ihn mit Fleisch. Loki setzte sich an das eine Ende, Logi an das andere, und beide aßen, so schnell sie konnten, bis sie sich in der Mitte des Troges trafen. Loki hatte da alles Fleisch von den Knochen gegessen, Logi aber hatte sowohl das ganze Fleisch als auch die Knochen und dazu den Trog verzehrt. Nun schien es allen, dass Loki den Wettstreit verloren hatte.

Dann fragt Utgard-Loki, in welchem Wettspiel sich der junge Mann verstehe. Thjalfi sagt, er wolle versuchen, einige Läufe gegen jemanden zu laufen, den Utgard-Loki dazu bestimme. Da sagt Utgard-Loki, dies sei eine gute Kunst; er erklärt, umso mehr sei zu hoffen, dass er mit Schnelligkeit wohl ausgestattet sei, wenn er diese Kunst ausüben wolle. Doch lässt er sie sogleich die Probe machen. Utgard-Loki steht auf und geht hinaus. Dort war auf einem ebenen Feld eine gute Laufbahn. Da ruft Utgard-Loki einen jungen Burschen namens Hugi zu sich und hieß ihn mit Thjalfi um die Wette laufen. Sie treten zum ersten Lauf an, und Hugi ist so weit voraus, dass er am Ende der Bahn umkehrt und ihm entgegenläuft.

Da sprach Utgard-Loki: »Du wirst dich mehr anstrengen müssen, Thjalfi, wenn du den Wettstreit gewinnen willst. Doch wahr ist auch, dass noch keine Männer hierhergekommen sind, die mir schneller zu Fuß erschienen wären als du.«

Dann treten sie zum zweiten Lauf an. Als Hugi das Ende der Bahn erreicht und umkehrt, war Thjalfi noch einen weiten Bolzenschuss entfernt.

Da sprach Utgard-Loki: »Thjalfi scheint mir die Bahn gut zu laufen, doch glaube ich nun nicht mehr, dass er den Wettstreit gewinnt. Nun aber wird es sich zeigen, wenn sie zum dritten Lauf antreten.«

Sie laufen abermals. Als Hugi das Ende der Bahn erreicht hat und umkehrt, ist Thjalfi noch nicht einmal bis zur Mitte gekommen. Da sagen alle, dieser Wettstreit sei entschieden.

Nun fragt Utgard-Loki Thor, welche seiner Künste er ihnen wohl vorführen wolle, da die Menschen so gewaltige Geschichten von seinen Großtaten erzählten. Thor sagte, am liebsten wolle er sich mit jemandem im Trinken messen. Utgard-Loki sagt, das lasse sich gut machen, geht in die Halle und ruft seinen Mundschenk. Er bittet ihn, das Strafhorn zu holen, aus dem seine Gefolgsleute zu trinken pflegen. Gleich darauf tritt der Mundschenk mit dem Horn vor und gibt es Thor in die Hand.

Da sprach Utgard-Loki: »Aus diesem Horn gilt als gut getrunken, wenn man es mit einem Zug leert. Manche Männer trinken es mit zwei Zügen aus, doch keiner ist ein so geringer Trinker, dass er es nicht mit dreien leert.«

Thor betrachtet das Horn, und es scheint ihm nicht groß, allerdings recht lang. Er ist sehr durstig, beginnt zu trinken und schluckt in gewaltigen Zügen; dabei denkt er, er werde das Horn kein zweites Mal ansetzen müssen. Als ihm aber der Atem ausgeht, setzt er ab und sieht nach, wie es mit dem Trank steht. Es scheint ihm, als sei kaum ein Unterschied zu erkennen und der Stand im Horn nur ganz wenig niedriger als zuvor.

Da sprach Utgard-Loki: »Gut getrunken, doch nicht übermäßig viel. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn man mir erzählt hätte, dass Asen-Thor keinen größeren Zug trinken würde. Doch weiß ich, dass du es mit dem zweiten Zug austrinken willst.«

Thor antwortet nicht, setzt das Horn an den Mund und denkt nun, er werde einen größeren Zug trinken. Er hält beim Trinken aus, solange ihm der Atem reicht, und sieht doch wieder, dass die Spitze des Horns sich längst nicht so weit heben will, wie es ihm lieb wäre. Als er das Horn vom Mund nimmt und hineinsieht, scheint ihm nun weniger daraus verschwunden zu sein als beim ersten Mal. Immerhin lässt es sich jetzt gut tragen, ohne dass etwas überschwappt.

Da sprach Utgard-Loki: »Was ist nun, Thor? Hebst du dir für einen weiteren Zug nicht mehr auf, als dir guttun wird? Mir scheint, wenn du das Horn nun mit dem dritten Zug leeren willst, wirst du diesen für den größten bemessen müssen. Doch wirst du hier bei uns nicht als ein so großer Mann gelten können, wie die Asen dich nennen, wenn du bei anderen Wettspielen nicht mehr leistest, als mir bei diesem der Fall zu sein scheint.«

Da wurde Thor zornig, setzt das Horn an den Mund, trinkt so heftig, wie er kann, und strengt sich dabei aufs Äußerste an. Als er in das Horn sah, war diesmal am ehesten ein Unterschied zu erkennen. Da reicht er das Horn zurück und will nicht mehr trinken.

Da sprach Utgard-Loki: »Nun ist deutlich zu sehen, dass deine Kraft nicht so groß ist, wie wir dachten. Willst du dich aber noch in weiteren Wettspielen versuchen? Man sieht nun, dass du hiermit nichts ausrichtest.«

Thor antwortet: »Ich kann mich noch in einigen Wettspielen versuchen. Doch hätte ich mich, als ich daheim bei den Asen war, sehr gewundert, wenn man solche Züge so klein genannt hätte. Welchen Wettstreit wollt ihr mir nun anbieten?«

Da sprach Utgard-Loki: »Hier tun die jungen Burschen etwas, das wohl für wenig bedeutsam gelten wird: Sie heben meinen Kater vom Boden auf. Doch hätte ich Asen-Thor solches nicht vorzuschlagen gewusst, hätte ich nicht zuvor gesehen, dass weit weniger hinter dir steckt, als ich dachte.«

Gleich darauf sprang ein grauer, ziemlich großer Kater auf den Hallenboden. Thor trat zu ihm, schob seine Hand unter die Mitte seines Bauches und hob ihn hoch. Doch der Kater krümmte den Rücken in demselben Maße, wie Thor die Hand hob. Als Thor den Arm so weit in die Höhe reckte, wie er nur konnte, hob der Kater eine Pfote vom Boden. Mehr brachte Thor bei diesem Wettspiel nicht zustande.

Da sprach Utgard-Loki: »Dieser Wettstreit ist ausgegangen, wie ich erwartet hatte. Der Kater ist ziemlich groß, Thor aber ist niedrig und klein neben den großen Männern, die hier bei uns sind.«

Da sprach Thor: »So klein ihr mich auch nennt, nun soll einer herkommen und mit mir ringen! Jetzt bin ich zornig.«

Utgard-Loki antwortet, blickt über die Bänke und sprach: »Ich sehe hier drinnen keinen Mann, der es nicht unter seiner Würde fände, mit dir zu ringen.« Und weiter sprach er: »Sehen wir zunächst zu: Ruft mir die Alte her, meine Ziehmutter Elli, und Thor soll mit ihr ringen, wenn er will. Sie hat schon Männer zu Fall gebracht, die mir nicht weniger kräftig erschienen als Thor.«

Gleich darauf trat eine alte Frau in die Halle. Utgard-Loki sagte, sie solle mit Asen-Thor ringen. Darüber ist nicht viel zu erzählen. Der Ringkampf verlief so, dass sie umso fester stand, je heftiger Thor sich beim Ringen anstrengte. Dann begann die Alte, es mit Griffen zu versuchen, und Thor verlor den festen Stand. Sie rangen sehr heftig miteinander, doch nicht lange, ehe Thor auf ein Knie sank. Da trat Utgard-Loki hinzu und hieß sie den Ringkampf beenden. Er sagte, Thor brauche keinen weiteren Mann aus seiner Gefolgschaft zum Ringen aufzufordern. Es war inzwischen auch Nacht geworden. Utgard-Loki wies Thor und seinen Gefährten Plätze an, und sie verbringen dort die Nacht, aufs Beste bewirtet.

47

Am Morgen aber, sobald es tagte, stehen Thor und seine Gefährten auf, kleiden sich an und machen sich zum Aufbruch bereit. Da kam Utgard-Loki zu ihnen und ließ ihnen den Tisch decken. Es fehlte ihnen weder an guter Bewirtung noch an Speise und Trank. Als sie gegessen haben, machen sie sich auf den Weg. Utgard-Loki begleitet sie hinaus und geht mit ihnen aus der Burg. Beim Abschied sprach Utgard-Loki zu Thor und fragt, wie seine Reise nach seinem Dafürhalten verlaufen sei und ob er jemanden getroffen habe, der mächtiger sei als er selbst. Thor sagt, er werde nicht behaupten, dass er bei ihren Begegnungen keine große Schande erlitten habe: »Doch weiß ich, dass ihr mich für einen Mann haltet, hinter dem wenig steckt, und das missfällt mir sehr.«

Da sprach Utgard-Loki: »Nun soll ich dir die Wahrheit sagen, da du aus der Burg herausgekommen bist: Wenn ich am Leben bleibe und etwas zu bestimmen habe, sollst du niemals wieder hineinkommen. Und wahrhaftig, du wärst niemals hineingekommen, hätte ich vorher gewusst, dass du solche Kraft besitzt und uns so nahe an großes Unheil bringen würdest. Doch habe ich dich durch Trugbilder getäuscht. So war ich es, der euch zuerst im Wald begegnete. Als du den Proviantsack öffnen wolltest, hatte ich ihn mit Zaubereisen zugebunden, und du fandest nicht, wo er sich öffnen ließ. Darauf schlugst du mich dreimal mit dem Hammer. Der erste Schlag war der schwächste und doch so gewaltig, dass er mich getötet hätte, wenn er getroffen hätte. Wo du aber neben meiner Halle einen Felsrücken sahst und darin drei viereckige Täler, eines davon am tiefsten, da waren die Spuren deiner Hammerschläge. Den Felsrücken hielt ich den Schlägen entgegen, doch das sahst du nicht. Ebenso war es mit den Wettspielen, in denen ihr euch mit meinen Gefolgsleuten gemessen habt. Das erste war das, an dem Loki teilnahm. Er war sehr hungrig und aß rasch. Doch der, der Logi hieß, war das Wildfeuer, und es verbrannte den Trog nicht langsamer als das Fleisch. Als Thjalfi aber gegen den lief, der Hugi hieß, war das mein Gedanke, und Thjalfi konnte nicht hoffen, sich mit ihm an Schnelligkeit zu messen. Als du aus dem Horn trankst und meintest, es komme nur langsam voran, da geschah wahrhaftig ein Wunder, von dem ich nicht geglaubt hätte, dass es möglich wäre. Das andere Ende des Horns lag draußen im Meer, doch das sahst du nicht. Wenn du nun ans Meer kommst, wirst du sehen können, wie viel du aus der See fortgetrunken hast. Das nennt man nun Ebbe.«

Und weiter sprach er: »Nicht weniger bemerkenswert schien mir, wie du den Kater hochhobst. Um dir die Wahrheit zu sagen: Alle, die zusahen, erschraken, als du eine seiner Pfoten vom Boden hobst. Denn dieser Kater war nicht das, was er dir zu sein schien. Es war die Midgardschlange, die sich um alle Länder legt, und sie war kaum lang genug, dass Schwanz und Kopf noch die Erde berührten. So hoch recktest du den Arm, dass es nur noch ein kurzes Stück bis zum Himmel war. Auch beim Ringen war es ein großes Wunder, dass du so lange standhieltest und nur auf ein Knie sankst, als du mit Elli rangst. Denn noch niemand hat gelebt, und niemand wird leben, der, wenn er so alt wird, dass er das Alter erlebt, nicht vom Alter zu Fall gebracht wird. Nun ist aber wahrheitsgemäß zu sagen, dass wir uns trennen werden, und für beide Seiten wird es besser sein, wenn ihr nicht wiederkommt, um mich aufzusuchen. Ein andermal werde ich meine Burg wieder mit solchen oder anderen Listen verteidigen, sodass ihr keine Macht über mich erlangen werdet.«

Als Thor diese Rede hörte, griff er nach dem Hammer und schwingt ihn in die Höhe. Als er aber zuschlagen will, sieht er Utgard-Loki nirgends mehr. Da wendet er sich zur Burg um und nimmt sich vor, sie zu zertrümmern. Nun sieht er dort weite, schöne Felder, aber keine Burg. Er wendet sich wieder um und zieht seines Weges, bis er nach Thrudwang zurückkommt. Doch ist wahrheitsgemäß zu sagen, dass er damals den Entschluss gefasst hatte, eine Begegnung mit der Midgardschlange zu suchen, wenn sie sich herbeiführen ließe, wie es später geschah. Nun glaube ich, dass dir niemand wahrheitsgetreuer von dieser Reise Thors erzählen kann.«

48

Da sprach Gangleri: „Utgard-Loki ist ein überaus mächtiger Mann, doch arbeitet er viel mit List und Zauberei. Dass er große Macht besitzt, erkennt man daran, dass er Gefolgsleute mit solcher Kraft hatte. Hat Thor sich denn dafür nicht gerächt?“

Har antwortet: „Es ist auch denen, die nicht gelehrt sind, wohlbekannt, dass Thor die Schmach jener Fahrt, von der eben erzählt wurde, wiedergutmachte. Er blieb nicht lange zu Hause, ehe er so eilig zur Fahrt aufbrach, dass er weder seinen Wagen noch die Böcke noch irgendwelche Begleiter mitnahm. Er wanderte in der Gestalt eines jungen Burschen aus Midgard hinaus und kam eines Abends bei Einbruch der Nacht zu einem Riesen namens Hymir. Dort blieb Thor über Nacht zu Gast.

Bei Tagesanbruch stand Hymir auf, zog sich an und machte sich bereit, zum Fischfang aufs Meer hinauszurudern. Thor sprang auf, war rasch fertig und bat Hymir, ihn mit aufs Meer rudern zu lassen. Hymir aber sagte, er werde wenig Hilfe an ihm haben, da er klein und noch so jung sei: ‚Und du wirst frieren, wenn ich so lange und so weit draußen bleibe, wie ich es gewohnt bin.‘ Thor entgegnete, Hymir könne getrost weit vom Land fortrudern; es sei keineswegs gewiss, wer von ihnen zuerst darum bitten werde, wieder heimzurudern. Thor wurde auf den Riesen so zornig, dass es wenig fehlte, und er hätte ihm sogleich den Hammer auf den Kopf sausen lassen. Doch er ließ es dabei bewenden, weil er seine Kraft bei einer anderen Gelegenheit erproben wollte.

Er fragte Hymir, was sie als Köder nehmen sollten, doch Hymir hieß ihn, sich selbst Köder zu beschaffen. Da ging Thor dorthin, wo er eine Herde Ochsen gesehen hatte, die Hymir gehörte. Er packte den größten Ochsen, der Himinhrjod hieß, riss ihm den Kopf ab und ging damit zum Meer. Hymir hatte inzwischen das Boot ins Wasser geschoben. Thor stieg ein, setzte sich an den Schöpfraum, nahm zwei Ruder und ruderte. Hymir fand, dass das Boot durch seine Ruderschläge kräftig vorankam. Hymir ruderte vorn im Bug, und sie kamen rasch vorwärts.

Da sagte Hymir, sie seien nun an den Fischgründen angekommen, wo er gewöhnlich liege und Plattfische fange. Thor aber erklärte, er wolle noch viel weiter hinausrudern, und sie legten sich wieder kräftig in die Ruder. Nun sagte Hymir, sie seien so weit draußen, dass es wegen der Midgardschlange gefährlich sei, noch weiter hinauszufahren. Thor erwiderte, er werde noch eine Weile rudern, und so tat er auch. Hymir war darüber sehr unglücklich.

Als Thor die Ruder einholte, machte er eine sehr starke Angelschnur bereit, und der Haken war nicht weniger groß und kräftig. Thor steckte den Ochsenkopf auf den Haken und warf ihn über Bord, und der Haken sank bis auf den Grund. Wahrlich, Thor überlistete nun die Midgardschlange nicht weniger, als Utgard-Loki Thor zum Narren gehalten hatte, als dieser die Schlange mit seiner Hand emporhob. Die Midgardschlange sperrte den Rachen über dem Ochsenkopf auf, und der Haken fuhr ihr in den Gaumen. Als die Schlange das spürte, riss sie so heftig daran, dass Thors beide Fäuste gegen die Bordwand schlugen.

Da wurde Thor zornig und entfaltete seine Asenkraft. Er stemmte sich so fest dagegen, dass er mit beiden Füßen durch das Boot brach und sich gegen den Meeresgrund stemmte. Dann zog er die Schlange bis an den Bootsrand herauf. Man kann wohl sagen, dass noch niemand einen wahrhaft schrecklichen Anblick gesehen hat, der nicht sehen konnte, wie Thor die Schlange mit seinen Augen durchbohrte, während sie von unten zu ihm emporstarrte und Gift blies. Da, so erzählt man, wechselte der Riese Hymir die Farbe, erbleichte und erschrak, als er die Schlange sah und das Meer ins Boot hinein- und wieder hinausströmte.

In dem Augenblick, als Thor den Hammer ergriff und hochhob, tastete der Riese nach dem Ködermesser und durchhieb Thors Angelschnur am Bootsrand. Die Schlange versank im Meer. Thor aber warf ihr den Hammer nach, und manche sagen, er habe ihr zwischen den Wogen den Kopf abgeschlagen. Ich glaube jedoch, dir die Wahrheit zu sagen, wenn ich berichte, dass die Midgardschlange noch lebt und im Meer liegt, das die Welt umgibt. Thor holte mit der Faust aus und schlug Hymir ans Ohr, sodass dieser über Bord stürzte und man seine Fußsohlen sah. Thor aber watete ans Land.“

49

Da sprach Gangleri: „Sind unter den Asen noch größere Dinge geschehen? Thor hat auf dieser Fahrt eine gewaltige Heldentat vollbracht.“

Har antwortet: „Es wird von Ereignissen zu erzählen sein, die den Asen bedeutsamer erschienen. Der Anfang dieser Geschichte ist, dass Balder der Gute schwere, bedrohliche Träume von seinem Leben hatte. Als er den Asen seine Träume erzählte, hielten sie Rat. Sie beschlossen, für Balder Schutz vor jeder Art von Gefahr zu erbitten. Frigg nahm Feuer und Wasser, Eisen und jedem anderen Metall, den Steinen, der Erde, den Bäumen, den Krankheiten, den Tieren, den Vögeln, dem Gift und den Schlangen Eide ab, dass sie Balder schonen sollten.

Als dies geschehen und bekannt geworden war, machten Balder und die Asen sich ein Vergnügen daraus, dass er bei ihren Versammlungen aufstand und die anderen teils nach ihm schossen, teils nach ihm hieben, teils ihn mit Steinen bewarfen. Was sie auch taten, er nahm keinen Schaden, und allen erschien dies als eine große Ehre.

Als aber Loki, Laufeys Sohn, sah, dass Balder keinen Schaden nahm, missfiel ihm das. Er ging zu Frigg nach Fensalir und nahm die Gestalt einer Frau an. Frigg fragte diese Frau, ob sie wisse, was die Asen bei ihrer Versammlung trieben. Sie sagte, alle schössen nach Balder, ohne dass er Schaden nähme. Da sprach Frigg: ‚Weder Waffen noch Holz werden Balder verletzen. Von ihnen allen habe ich Eide empfangen.‘

Da fragte die Frau: ‚Haben alle Dinge Eide geschworen, Balder zu schonen?‘

Frigg antwortete: ‚Westlich von Walhall wächst ein junger Trieb, der Mistel genannt wird. Er schien mir zu jung, um ihm den Eid abzuverlangen.‘

Darauf verschwand die Frau. Loki aber nahm die Mistel, riss sie aus und ging zur Versammlung. Hödur stand am äußeren Rand des Menschenkreises, denn er war blind. Loki sprach zu ihm: ‚Warum schießt du nicht nach Balder?‘

Er antwortete: ‚Weil ich nicht sehe, wo Balder steht, und außerdem habe ich keine Waffe.‘

Da sprach Loki: ‚Tu es dennoch den anderen gleich und erweise Balder Ehre wie die übrigen. Ich werde dir zeigen, wo er steht. Schieß mit diesem Zweig nach ihm.‘

Hödur nahm die Mistel und schoss auf Lokis Anweisung nach Balder. Das Geschoss durchbohrte Balder, und er fiel tot zu Boden. Dies war das größte Unheil, das je unter Göttern und Menschen angerichtet wurde.

Als Balder gefallen war, versagte allen Asen die Sprache, und auch ihre Hände versagten ihnen, sodass sie nicht nach ihm greifen konnten. Einer sah den anderen an, und alle waren eines Sinnes gegenüber dem, der die Tat begangen hatte. Doch keiner durfte Rache nehmen, denn dieser Ort stand unter einem so starken Friedensgebot. Als die Asen zu sprechen versuchten, brachen sie zuerst in Tränen aus, sodass keiner dem anderen seinen Schmerz mit Worten mitteilen konnte. Odin aber trug diesen Verlust umso schwerer als alle anderen, als er am besten begriff, welch großer Schaden und Verlust Balders Tod für die Asen war.

Als die Götter wieder zu sich kamen, sprach Frigg und fragte, wer unter den Asen ihre ganze Liebe und Gunst gewinnen wolle und bereit sei, den Weg zur Hel zu reiten, um zu versuchen, Balder zu finden, und Hel ein Lösegeld anzubieten, falls sie Balder nach Asgard heimkehren lasse. Hermod der Kühne, Odins Sohn, hieß derjenige, der diese Fahrt übernahm. Da wurde Sleipnir, Odins Pferd, geholt und vorgeführt. Hermod bestieg das Pferd und ritt davon.

Die Asen aber nahmen Balders Leichnam und brachten ihn zum Meer. Hringhorni hieß Balders Schiff; es war das größte aller Schiffe. Die Götter wollten es zu Wasser lassen und darauf Balders Scheiterhaufen errichten, doch das Schiff ließ sich nicht von der Stelle bewegen. Da schickten sie nach Jötunheim, um eine Riesin namens Hyrrokkin zu holen. Sie kam auf einem Wolf geritten und hatte eine Giftschlange als Zügel. Sie sprang von ihrem Reittier, und Odin rief vier Berserker herbei, um es zu halten. Doch sie konnten es nur bändigen, indem sie es niederwarfen.

Hyrrokkin trat an den Vordersteven des Schiffes und schob es mit dem ersten Stoß hinaus, sodass Feuer aus den Rollen stob und alle Lande bebten. Da wurde Thor zornig, ergriff den Hammer und hätte ihr den Schädel zerschmettert, wenn nicht alle Götter für sie um Frieden gebeten hätten.

Nun wurde Balders Leichnam auf das Schiff getragen. Als seine Frau Nanna, Neps Tochter, dies sah, brach ihr vor Kummer das Herz, und sie starb. Sie wurde auf den Scheiterhaufen getragen, und man legte Feuer daran. Thor trat hinzu und weihte den Scheiterhaufen mit Mjölnir. Da lief ihm ein Zwerg namens Lit vor die Füße. Thor versetzte ihm einen Tritt und stieß ihn ins Feuer, wo er verbrannte.

Zu dieser Leichenverbrennung kamen viele verschiedene Wesen. Zuerst ist von Odin zu berichten, dass Frigg, die Walküren und seine Raben ihn begleiteten. Freyr fuhr in einem Wagen mit dem Eber, der Gullinbursti oder Slidrugtanni heißt. Heimdall ritt auf dem Pferd namens Gulltopp, und Freyja fuhr mit ihren Katzen. Auch eine große Menge Reifriesen und Bergriesen kam dorthin.

Odin legte den Goldring namens Draupnir auf den Scheiterhaufen. Dieser hatte die Eigenschaft, dass in jeder neunten Nacht acht ebenso schwere Goldringe von ihm abtropften. Balders Pferd wurde mit seinem gesamten Zaum- und Sattelzeug auf den Scheiterhaufen geführt.

Von Hermod ist zu erzählen, dass er neun Nächte durch dunkle, tiefe Täler ritt und nichts sehen konnte, bis er zum Fluss Gjöll kam und auf die Gjöllbrücke ritt. Sie war mit leuchtendem Gold gedeckt. Modgud heißt die Jungfrau, die die Brücke bewacht. Sie fragte ihn nach seinem Namen und seiner Herkunft und sagte, am Tag zuvor seien fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten: ‚Doch unter dir allein dröhnt die Brücke nicht weniger, und du hast nicht die Gesichtsfarbe toter Männer. Warum reitest du hier den Weg zur Hel?‘

Er antwortete: ‚Ich soll zur Hel reiten, um Balder zu suchen. Hast du vielleicht Balder auf dem Weg zur Hel gesehen?‘

Sie sagte, Balder sei dort über die Gjöllbrücke geritten: ‚Doch abwärts und nach Norden führt der Weg zur Hel.‘

Da ritt Hermod weiter, bis er zu Hels Gittertor kam. Er stieg vom Pferd und zog dessen Sattelgurt fest, stieg wieder auf und gab ihm die Sporen. Das Pferd setzte mit solcher Wucht über das Tor hinweg, dass es dieses nirgends berührte. Dann ritt Hermod bis zur Halle, stieg vom Pferd und ging hinein. Dort sah er seinen Bruder Balder auf dem Ehrenplatz sitzen, und Hermod blieb die Nacht über dort.

Am Morgen bat Hermod Hel, Balder mit ihm heimreiten zu lassen, und erzählte, wie groß das Weinen unter den Asen sei. Hel aber sagte, es solle sich erweisen, ob Balder so geliebt werde, ‚wie man sagt. Wenn alle Dinge auf der Welt, lebendige und tote, um ihn weinen, dann soll er zu den Asen zurückkehren. Doch er soll bei Hel bleiben, wenn irgendjemand widerspricht oder nicht weinen will.‘

Da stand Hermod auf, und Balder geleitete ihn aus der Halle. Er nahm den Ring Draupnir und sandte ihn Odin zum Andenken. Nanna sandte Frigg ein Leinentuch und noch weitere Geschenke, Fulla einen goldenen Fingerring. Dann ritt Hermod seinen Weg zurück, kam nach Asgard und berichtete alles, was er gesehen und gehört hatte.

Darauf sandten die Asen Boten durch die ganze Welt, um darum zu bitten, Balder aus Hels Reich herauszuweinen. Alle taten es: die Menschen, die Lebewesen, die Erde, die Steine, die Bäume und alles Metall, so wie du wohl schon gesehen hast, dass diese Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen.

Als die Boten heimkehrten, nachdem sie ihren Auftrag gut ausgeführt hatten, fanden sie in einer Höhle eine Riesin sitzen. Sie nannte sich Thökk. Sie baten sie, Balder aus Hels Reich herauszuweinen. Sie sagte:

‚Thökk wird weinen
mit trockenen Tränen
um Balders Feuerbestattung;
von des Alten Sohn hatte ich
weder lebend noch tot einen Nutzen;
Hel behalte, was sie hat.‘

Man vermutet aber, dass dies Loki, Laufeys Sohn, gewesen sei, der unter den Asen das meiste Unheil angerichtet hat.“

50

Da sprach Gangleri: „Sehr viel hat Loki bewirkt, indem er zuerst Balders Tötung verschuldete und dann auch noch verhinderte, dass er aus Hel befreit wurde. Wurde ihm das irgendwie vergolten?“

Har sagt: „Es wurde ihm so vergolten, dass er es noch lange spüren wird. Als die Götter ihm so zürnten, wie zu erwarten war, floh er und verbarg sich auf einem Berg. Dort baute er ein Haus mit vier Türen, damit er aus dem Haus nach allen Richtungen sehen konnte. Tagsüber aber nahm er oft Lachsgestalt an und verbarg sich dort, wo es Fránangrsfoss heißt. Er überlegte, welche List die Asen ersinnen könnten, um ihn im Wasserfall zu fangen. Als er im Haus saß, nahm er Leinengarn und knüpfte daraus Maschen, wie man seither Netze macht; vor ihm brannte ein Feuer. Da sah er, dass die Asen nicht mehr weit von ihm entfernt waren, denn Odin hatte von Hlidskjalf aus gesehen, wo er war. Sofort sprang er auf und hinaus in den Fluss, das Netz aber warf er ins Feuer.

Als die Asen zum Haus kamen, trat als Erster der Weiseste von allen ein, der Kvasir heißt. Als er im Feuer die Aschenspuren des verbrannten Netzes sah, begriff er, dass dies ein Gerät zum Fangen von Fischen sein müsse, und sagte es den Asen. Darauf machten sie sich ein Netz nach dem Vorbild dessen, was Loki, wie sie an den Aschenspuren erkannten, angefertigt hatte. Als das Netz fertig war, gingen die Asen zum Fluss und warfen es in den Wasserfall. Thor hielt das eine Ende des Netzes, alle anderen Asen hielten das andere, und so zogen sie das Netz durch den Fluss. Loki schwamm vor ihm her und legte sich zwischen zwei Steinen nieder. Sie zogen das Netz über ihn hinweg und bemerkten, dass etwas Lebendiges darunter war. Da gingen sie zum zweiten Mal zum Wasserfall hinauf, warfen das Netz aus und beschwerten es so stark, dass nichts darunter hindurchschlüpfen konnte. Nun schwamm Loki vor dem Netz her. Als er aber sah, dass es nicht mehr weit bis zum Meer war, sprang er über die Netzleine und schoss wieder zum Wasserfall hinauf. Jetzt sahen die Asen, wohin er schwamm. Sie gingen erneut zum Wasserfall hinauf und teilten sich in zwei Gruppen, während Thor mitten im Fluss watete, und so zogen sie zum Meer hinab. Als Loki sah, dass er zwei Möglichkeiten hatte — ins Meer hinauszuspringen, was lebensgefährlich war, oder noch einmal über das Netz zu springen —, tat er Letzteres und sprang so schnell er konnte über die Netzleine. Thor griff nach ihm und packte ihn, doch er glitt ihm durch die Hand, bis diese an der Schwanzflosse Halt fand. Deshalb ist der Lachs hinten schmal.

Nun war Loki gefangen, ohne dass ihm Schonung gewährt wurde, und man brachte ihn in eine Höhle. Dort nahmen sie drei Steinplatten, stellten sie auf die Kante und schlugen in jede ein Loch. Dann wurden Lokis Söhne Wali und Nari oder Narwi ergriffen. Die Asen verwandelten Wali in einen Wolf, und er zerriss seinen Bruder Narwi. Darauf nahmen die Asen dessen Därme und banden Loki damit über die drei hochkant stehenden Steine. Einer steht unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der dritte unter seinen Kniekehlen, und die Fesseln wurden zu Eisen. Dann nahm Skadi eine Giftschlange und befestigte sie über ihm, sodass ihm das Gift aus der Schlange ins Gesicht tropfen sollte. Seine Frau Sigyn aber steht bei ihm und hält eine Schüssel unter die Gifttropfen. Wenn die Schüssel voll ist, geht sie fort und gießt das Gift aus; unterdessen tropft ihm das Gift ins Gesicht. Dann zuckt er so heftig zusammen, dass die ganze Erde bebt. Das nennt ihr Erdbeben. Dort liegt er bis zu Ragnarök in Fesseln.“

51

Da sprach Gangleri: „Was gibt es von Ragnarök zu berichten? Davon habe ich noch nie etwas gehört.“

Har sagt: „Davon sind viele gewaltige Ereignisse zu berichten. Als Erstes kommt der Winter, der Fimbulwinter genannt wird. Dann treibt Schnee aus allen Richtungen heran. Es herrschen starker Frost und scharfe Winde. Die Sonne hilft nichts. Drei solche Winter folgen aufeinander, ohne einen Sommer dazwischen. Zuvor aber kommen drei andere Winter, in denen auf der ganzen Welt große Schlachten geschlagen werden. Dann töten Brüder einander aus Habgier, und niemand schont Vater oder Sohn bei Mord und beim Zerreißen der Verwandtschaftsbande. So heißt es in der Völuspá:

Brüder werden kämpfen
und einander erschlagen,
Schwestersöhne werden
die Sippenbande brechen;
hart geht es unter den Menschen zu,
groß ist der Ehebruch,
Beilzeit, Schwertzeit,
Schilde werden gespalten,
Windzeit, Wolfszeit,
ehe die Welt zusammenbricht.

Dann geschieht, was als gewaltiges Ereignis gilt: Der Wolf verschlingt die Sonne, und die Menschen halten das für großes Unheil. Darauf nimmt der andere Wolf den Mond und richtet damit ebenfalls großen Schaden an. Die Sterne verschwinden vom Himmel. Auch das geschieht dann: Die ganze Erde und die Berge erbeben so sehr, dass die Bäume sich aus dem Boden lösen, die Berge einstürzen und alle Fesseln und Bande zerbrechen und zerreißen. Dann kommt der Fenriswolf frei. Das Meer stürzt über die Länder, weil die Midgardschlange in Riesenzorn gerät und an Land drängt. Auch Naglfar, das Schiff dieses Namens, kommt dann los. Es ist aus den Nägeln toter Menschen gemacht. Deshalb muss man sich davor hüten, dass ein Mensch mit ungeschnittenen Nägeln stirbt, denn dieser Mensch liefert viel Baustoff für das Schiff Naglfar, dessen Vollendung Götter und Menschen möglichst spät wünschen. In dieser Meeresflut schwimmt Naglfar. Hrym heißt der Riese, der Naglfar steuert.

Der Fenriswolf aber fährt mit aufgesperrtem Rachen daher; sein Unterkiefer reicht bis an die Erde und sein Oberkiefer bis an den Himmel. Er würde ihn noch weiter aufsperren, wenn Platz dafür wäre. Feuer brennt aus seinen Augen und Nasenlöchern. Die Midgardschlange speit ihr Gift so aus, dass sie die ganze Luft und das Meer damit besprüht. Sie ist überaus schrecklich und befindet sich an der einen Seite des Wolfes. In diesem Getöse spaltet sich der Himmel, und Muspells Söhne reiten von dort herab. Surt reitet an der Spitze, und vor und hinter ihm brennt Feuer. Sein Schwert ist vortrefflich; es strahlt heller als die Sonne. Wenn sie aber über Bifröst reiten, zerbricht sie, wie schon gesagt wurde. Muspells Söhne rücken auf das Feld vor, das Wigrid heißt. Dorthin kommen dann auch der Fenriswolf und die Midgardschlange. Auch Loki und Hrym sind dann dort eingetroffen, und mit Hrym alle Reifriesen; Loki aber folgen alle aus Hels Gefolge. Muspells Söhne bilden für sich allein eine Schlachtordnung, und diese leuchtet sehr hell. Das Feld Wigrid ist nach jeder Richtung hundert Meilen weit.

Wenn diese Ereignisse eintreten, steht Heimdall auf, bläst mit aller Kraft ins Gjallarhorn und weckt alle Götter. Sie halten gemeinsam Rat. Dann reitet Odin zu Mimirs Brunnen und holt bei Mimir Rat für sich und sein Heer. Da erbebt die Esche Yggdrasil, und nichts im Himmel oder auf Erden ist dann ohne Furcht. Die Asen und alle Einherjer legen ihre Waffen an und rücken auf das Feld vor. Voran reitet Odin mit dem goldenen Helm, der schönen Brünne und seinem Speer, der Gungnir heißt. Er zieht dem Fenriswolf entgegen, während Thor an seiner Seite vorwärtsgeht. Doch kann Thor ihm nicht helfen, denn er hat mit dem Kampf gegen die Midgardschlange alle Hände voll zu tun. Freyr kämpft gegen Surt, und es kommt zu einem harten Zusammenstoß, ehe Freyr fällt. Ihm wird zum Verhängnis, dass ihm das gute Schwert fehlt, das er Skirnir gegeben hat. Dann ist auch der Hund Garm losgekommen, der vor der Gnipa-Höhle gefesselt liegt. Er ist das größte Ungeheuer. Er kämpft gegen Tyr, und sie töten einander. Thor erschlägt die Midgardschlange und geht neun Schritte von ihr fort. Dann fällt er tot zu Boden, von dem Gift getötet, das die Schlange auf ihn speit. Der Wolf verschlingt Odin. Das ist dessen Tod.

Gleich darauf tritt Widar vor und setzt einen Fuß in den Unterkiefer des Wolfes. An diesem Fuß trägt er den Schuh, für den seit Anbeginn der Zeit gesammelt worden ist. Das sind die Lederstücke, welche die Menschen an Zehen oder Fersen von ihren Schuhen abschneiden. Deshalb soll jeder, der darauf bedacht ist, den Asen zu helfen, diese Lederstücke wegwerfen. Mit einer Hand packt er den Oberkiefer des Wolfes und reißt dessen Rachen auseinander. Das ist der Tod des Wolfes. Loki kämpft mit Heimdall, und sie töten einander. Darauf schleudert Surt Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. So heißt es in der Völuspá:

Laut bläst Heimdall,
das Horn ist erhoben,
Odin spricht
mit Mimirs Haupt;
es bebt Yggdrasils
aufrechte Esche,
der alte Baum dröhnt,
und der Riese kommt los.

Was ist mit den Asen?
Was ist mit den Alben?
Ganz Jötunheim dröhnt,
die Asen halten Rat,
es stöhnen die Zwerge
vor steinernen Türen,
die Kundigen der Felswand.
Wisst ihr noch mehr, oder was?

Hrym fährt von Osten,
hält den Schild vor sich,
Jörmungand windet sich
in Riesenzorn;
die Schlange peitscht die Wogen,
der Adler wird kreischen,
leichenfahl zerreißt er Tote,
Naglfar kommt los.

Ein Schiff fährt von Osten,
Muspells Leute werden
über das Meer kommen,
und Loki steuert;
dort sind die Unholdssöhne
alle mit dem Wolf,
mit ihnen ist Byleists
Bruder auf der Fahrt.

Surt fährt von Süden
mit dem Verderben der Zweige,
von seinem Schwert strahlt
die Sonne der Schlachtgötter;
Felsberge krachen,
Riesinnen straucheln,
Menschen treten den Weg zur Hel,
und der Himmel spaltet sich.

Da kommt Hlins
zweiter Kummer,
wenn Odin auszieht,
mit dem Wolf zu kämpfen,
und Belis strahlender Töter
gegen Surt;
da wird Friggs
Freude fallen.

Odins Sohn zieht aus,
mit dem Wolf zu kämpfen,
Widar auf dem Weg
zum Leichen verschlingenden Tier;
er lässt Hwedrungs Sohn
mit seiner Hand
das Schwert ins Herz dringen;
da ist der Vater gerächt.

Es geht der ruhmreiche
Sohn Hlodyns,
bedrängt von der Schlange,
die keine Schmach fürchtet;
alle Menschen werden
ihre Wohnstätten räumen,
wenn im Zorn erschlägt
Midgards Beschützer.

Die Sonne wird schwarz,
die Erde sinkt ins Meer,
vom Himmel verschwinden
die hellen Sterne;
es toben Rauch
und Feuer,
hohe Glut spielt
am Himmel selbst.

An anderer Stelle heißt es noch so:

Wigrid heißt das Feld,
wo zum Kampf aufeinandertreffen
Surt und die geliebten Götter;
hundert Meilen
misst es nach jeder Richtung;
dieses Feld ist ihnen bestimmt.“

52

Da sprach Gangleri: „Was bleibt dann übrig, wenn die ganze Welt verbrannt ist und alle Götter, alle Einherjer und alle Menschen tot sind? Ihr habt doch zuvor gesagt, dass jeder Mensch auf alle Zeiten in irgendeiner Welt leben soll.“

Da antwortet Thridi: „Dann gibt es viele gute und viele schlechte Wohnstätten. Am besten ist es dann, auf Gimle im Himmel zu sein. Wer Freude daran hat, findet reichlich guten Trank in der Halle, die Brimir heißt. Sie steht auf Okolnir. Eine weitere gute Halle steht auf Nidafjöll und ist aus rotem Gold erbaut. Sie heißt Sindri. In diesen Hallen sollen gute und rechtschaffene Menschen wohnen.

Auf Nastrand steht eine große, schlimme Halle, deren Türen nach Norden weisen. Sie ist ganz aus Schlangenrücken geflochten wie ein Flechtwerkhaus. Alle Schlangenköpfe richten sich ins Haus hinein und speien Gift, sodass Giftströme durch die Halle fließen. Durch diese Ströme waten Eidbrecher und Mörder, wie es hier heißt:

Eine Halle weiß ich stehen,
der Sonne fern,
auf Nastrand,
nach Norden weisen die Türen;
Gifttropfen fallen
durch die Dachöffnung hinein;
diese Halle ist gewunden
aus Schlangenrücken.
Dort sollen waten
durch schwere Ströme
meineidige Männer
und Mörder.

Am schlimmsten aber ist es in Hvergelmir:

Dort quält Nidhögg
die Leiber der Verstorbenen.“

53

Da sprach Gangleri: »Leben dann noch irgendwelche Götter, oder gibt es dann noch eine Erde oder einen Himmel?«

Har sagt: »Dann steigt die Erde aus dem Meer empor und ist grün und schön. Dann wachsen unbesäte Äcker. Widar und Wali leben, denn weder das Meer noch Surts Feuer haben ihnen geschadet, und sie wohnen auf dem Idafeld, wo früher Asgard war. Dorthin kommen dann auch Thors Söhne, Modi und Magni, und haben Mjölnir bei sich. Danach kommen Balder und Hödur von Hel dorthin. Dann setzen sich alle zusammen, sprechen miteinander, erinnern sich an ihre Geheimnisse und reden über die Ereignisse vergangener Zeiten, über die Midgardschlange und den Fenriswolf. Da finden sie im Gras jene goldenen Spieltafeln, die den Asen gehört hatten. So heißt es:

Widar und Wali
bewohnen die Heiligtümer der Götter,
wenn Surts Feuer erlischt;
Modi und Magni
sollen Mjölnir besitzen,
wenn Wingnirs Kampf zu Ende ist.

Doch an dem Ort, der Hoddmimirs Holz heißt, verbergen sich während Surts Feuer zwei Menschen, die Lif und Lifthrasir heißen, und nähren sich vom Morgentau. Von diesen Menschen aber stammt eine so große Nachkommenschaft ab, dass die ganze Welt bevölkert wird, wie es hier heißt:

Lif und Lifthrasir,
sie werden sich verbergen
in Hoddmimirs Holz;
Morgentau
haben sie zur Nahrung,
und von ihnen stammen die Geschlechter ab.

Und dies wird dir erstaunlich erscheinen: Die Sonne hat eine Tochter geboren, die nicht weniger schön ist als sie selbst, und diese zieht dann auf den Pfaden ihrer Mutter, wie es hier heißt:

Eine Tochter
gebiert der Elfenglanz,
ehe der Fenriswolf sie verschlingt;
sie wird, wenn die Götter sterben,
auf den Bahnen ihrer Mutter reiten,
die Maid.

Wenn du aber noch weiter in die Zukunft fragen kannst, so weiß ich nicht, woher dir das kommt, denn ich habe keinen Menschen je weiter vom Lauf der Welt erzählen hören. Nun nutze, was du gelernt hast.«

54

Darauf hörte Gangleri von allen Seiten gewaltiges Getöse und blickte zur Seite. Und als er sich weiter umsieht, steht er draußen auf einem ebenen Feld und sieht weder eine Halle noch eine Burg. Da zieht er seines Weges und kehrt heim in sein Reich zurück. Er erzählt, was er gesehen und gehört hat, und nach ihm erzählte einer dem anderen diese Geschichten.

Die Asen aber setzen sich nun zum Gespräch zusammen, halten Rat und erinnern sich an alle diese Erzählungen, die ihm vorgetragen worden waren. Sie geben den Menschen und Orten, die dort waren, dieselben Namen, die zuvor genannt worden waren, damit die Menschen nach langer Zeit nicht daran zweifeln sollten, dass die Asen, von denen soeben erzählt worden war, und diejenigen, denen damals dieselben Namen gegeben wurden, alle ein und dieselben seien. Einer wurde dort nun Thor genannt, und dieser ist der alte Asen-Thor.